Apr 2013



Einer der letzten Sozialdemokraten in der SPD


Der heute verstorbene Ottmar Schreiner – Volljurist und seit 1980 für die SPD Mitglied des Deutschen Bundestages – konnte und wollte sich nicht mit Gerhard Schröders »Agenda 2010« abfinden. Für sein sozialdemokratisches Gewissen stellte die daraus zwangsläufig resultierende ökonomische Umverteilung von unten nach oben einen eklatanten Verrat an Partei und Wähler dar. Dass ausgerechnet die SPD mit »Hartz 4« dem Sozialstaat einen mehr als schweren Schaden zufügte, das konnte der ehemalige Bundesgeschäftsführer der SPD (1998-1999) kaum ertragen. Nicht er hatte sich seit dieser Zeit von der Partei entfernt, vielmehr entfernte sich die Partei zunehmend von sich selbst.

Den Satz von Rainer Hank in der F.A.Z., der an seinem Todestag erschien, musste er nicht mehr lesen: »Hatz auf Reiche. Das könnte den Regierungen so passen: Den Steuerwettbewerb zum Ersticken bringen, um umso ungenierter auf das Geld der Reichen zugreifen zu können.«

Als die SPD noch eine sozialdemokratische Partei war, wurde er als Pragmatiker geschätzt. Aber Schröder, Müntefering, Steinbrück u.v.a. sorgten dafür, dass er zuletzt vielen als unbeweglicher Betonlinker galt. Auch jetzt wird die SPD nicht begreifen, »was da gestorben ist«.



»Wieso fasziniert Hitler?« – Eine Journalistische Bankrotterklärung


Heute – 14 Tage vor Beginn des NSU-Prozesses in München !! – bekam ich eine an mich persönlich adressierte E-Mail von Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT.

Er schrieb: »… am Donnerstag erscheint die neue ZEIT mit dem Wichtigsten aus Politik, Wirtschaft, Wissen und Kultur. Ich freue mich, Ihnen hier einige Themen der neuen Ausgabe vorstellen zu können. Ihr Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur«

Es folgte u.a. ein Thumbnail des Titelbilds der neuen Ausgabe und folgender Text:

Hitlers letzter Sieg Vor 30 Jahren fiel der »stern« auf frei erfundene Tagebücher des ›Führers‹ herein. Ein bis heute unbegreiflicher Skandal. Der mitverantwortliche Chefredakteur Felix Schmidt schrieb damals alles auf. Ein Dokument des Wahns, das er erst jetzt zum Abdruck freigibt. Außerdem: Wieso fasziniert Hitler? Antworten des Historikers Volker Ullrich und des Sozialpsychologen Harald Welzer.



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Zeichnung der Originaltitelseite                                                          Zeichnung Titelseite ohne Hitler



»Wieso fasziniert Hitler?«
Stellt sich nicht eher die Frage: Wie kommt DIE ZEIT auf die absurde Unterstellung, dass Hitler im Jahre 2013 immer noch ein Faszinosum sei? In Luftkrieg und Literatur von W.G. Seebaldt findet sich der Satz: »Elias Canetti hat das Faszinosum der Macht in ihrer reinsten Ausprägung in Verbindung gebracht mit der steigenden Zahl der von ihr aufgehäuften Opfer.« Und ist diese Frage der ZEIT nicht genau deshalb ein ungeheurer Skandal? Sind die verantwortlichen Redakteure der ZEIT so von Hitler fasziniert, dass sie wissen wollen, warum?

»Die Faszination des Bösen« oder ähnliche Themenabhandlungen verstellen seit Jahrzehnten den Blick auf die wissenschaftliche und gesellschaftliche Aufarbeitung des Deutschen Nationalsozialismus von der Gründung der rassistischen NSDAP im Jahre 1920 – ab 1921 war Hitler Parteivorsitzender – bis zum Kriegsende am 8. Mai 1945.

DIE ZEIT stellt sich nun in eine Reihe z.B. mit dem SPIEGEL und dem ZDF in Sachen Hitler-Manie/Obsession: »Hitler in Farbe« · »Hitler ganz privat« · »Hitler im Urlaub«. Das o.a. Titelblatt ist ein Beweis für den medialen Verwertungsnutzen der nationalsozialistischen Verbrechen. Ohne diese fatal-dumme Schlagzeile und die idealisierte (!!!) Darstellung Hitlers, also ohne den »medialen Hitler-Effekt« scheint DIE ZEIT das »Jubiläum« des STERN-Debakels nicht verkaufen zu wollen (s. Titelseite ohne Hitler).

Niemand wird ernsthaft bezweifeln, dass DIE ZEIT antifaschistisch und antirassistisch war und ist. Das Problem ist die marktorientierte journalistische Gedankenlosigkeit und eine politische Geschmacklosigkeit. Insgesamt: eine Bankrotterklärung.

Hinweis: Aus urheberrechtlichen Gründen wurde auf die Abbildung der Originaltitelseite verzichtet und durch eine Zeichnung ersetzt. Beim Klick auf die Zeichnung kommen Sie zur Originalseite.