Mrz 2013



Von wem ist die Rede, wenn von Suhrkamp die Rede geht?


Der Suhrkamp Verlag wurde am 20. März vom Landgericht Frankfurt dazu verurteilt, Hans Barlachs Medienholding Winterthur einen Betrag aus dem nichtoperativen Gewinn des Bilanzjahres 2010 in Höhe von 2.184.000 € – plus Zinsen in Höhe von ca. 60.000 € – zu zahlen. Das Gericht stellte in der mündlichen Urteilsbegründung fest: »Es ist in Erinnerung zu rufen, dass die Klägerin [Barlachs Medienholding Winterthur] und die Streithelferin [die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung] in der Gesellschaftsvereinbarung klipp und klar gemeinsam festgehalten haben: ›Ziel der Klägerin ist, von den Suhrkamp-Kommanditgesellschaften möglichst hohe Ausschüttungen zu erhalten‹.« Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Vertreten wurde Suhrkamp durch die Hamburger Kanzlei Witthohn Aschmann Schellack, die die Welt auf Ihrer Website wissen lässt: »Wir entwickeln für unsere Mandanten ganzheitliche Lösungen in den Bereichen Recht, Steuern und Bilanzierung. Für die Durchsetzung der Mandanteninteressen nutzen wir unsere langjährige Erfahrung. Wir sind Spezialisten, fachübergreifend, unternehmerisch, zielorientiert und nachhaltig.« Die aus diesem Rechtsstreit bisher entstandenen Anwalts- und Gerichtskosten dürften für Suhrkamp ca. 70.000 € betragen.

Suhrkamps Pressesprecherin Tanja Postpischil erklärte: »Da uns die [schriftliche] Urteilsbegründung bislang noch nicht vorliegt, gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellungnahme unsererseits.«

Das ist in Umrissen der schlichte Sachverhalt.

Doch es gibt ja noch so etwas wie den ›wahren Anwalt & Sprecher‹ von Suhrkamp resp. Ulla Unseld-Berkéwicz: Dr. phil. Frank Schirrmacher, Journalist, Sachbuchautor und seit 1994 Herausgeber des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seit 1999 wahrhaftig – verliehen durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog – Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse. Er wird zu den bestvernetzten und einflussreichsten Zeitungsmachern Deutschlands gezählt. Selbst skandalöse Auftritte — wie z.B. die widerwärtig devote Laudatio auf den Scientologen und Schauspieler Tom Cruise bei der »Bambi«-Verleihung 2007 – bleiben für Schirrmacher letztlich ohne Folgen.

Im vorliegenden Fall entschied sich Schirrmacher offensichtlich, zunächst Sandra Kegel über die Niederlage Suhrkamps auf FAZ.NET unter dem Titel »Es geht um die Existenz« berichten zu lassen. Der Artikel endet mit folgenden Sätzen: »Barlach auf Konfrontationskurs. Für eine Stellungnahme waren bislang weder der Verlag noch Hans Barlach zu erreichen. Dass eine Gewinnentnahme, wie sie Barlach in Frankfurt jetzt erstritten hat, in dieser Größe an die Existenz des Verlages geht, steht außer Frage: Der Verlag hatte, wie auch der Anwalt Witthohn bestätigt, bisher geltend gemacht, diese Summe gar nicht aufbringen zu können. Das Frankfurter Landgericht hingegen befand, der Verlag hätte dafür ›notfalls‹ ein Darlehen aufnehmen müssen. / Wie sehr Barlach auf Konfrontationskurs geht, ist daraus ersichtlich, dass er eine Stunde nach Urteilsverkündung über seinen Anwalt per E-Mail ausrichten ließ, alle bisher laufenden Mediationsgespräche abzubrechen
Hat Frau Kegel das Urteil nicht verstanden oder will sie es nicht verstehen. Die »Gewinnentnahme« steht Barlach aus dem nichtoperativen Gewinn zu: Verkauf des Suhrkamp-Archivs, des Frankfurter Verlagshauses etc. Der Unterschied zwischen operativem und nichtoperativem Gewinn wird in dem Artikel vorsätzlich oder grob fahrlässig unterschlagen. Journalismus auf BILD-Niveau.

Während dieser Artikel online ist, beantwortet Schirrmacher dem Fernsehsender 3sat vor der Kamera die Frage, was dieses Urteil für Suhrkamp bedeute. »Für den Verlag bedeutet es eine Fortführung eines Kalten Krieges mit seinem wichtigsten Gesellschafter oder Gemein… [unverständlich]. Die entscheidende Frage aber, auch die journalistische Frage ist: was will Hans Barlach? Barlach hat vor Gericht mitteilen lassen – unlängst, er will, dass Peter Handke und Rainald Goetz aus dem Verlag geschmissen werden, weil sie ihn beleidigt hätten, was eine totale Überschreitung aller Konventionen in solchen Häusern ist. Barlach hat mitgeteilt, er glaube nicht mehr an die Mediation nach dem heutigen Urteil. Und das heißt, welche Absichten er eigentlich hat. Im Augenblick hat man den Eindruck: die Zerstörung des Verlags.« (Quelle: 3sat »Kulturzeit«, Sendung vom 20.03.2013)

Später wurde der Text von Sandra Kegel durch einen neuen Text von ihr und Edo Reents mit dem hybriden Titel »Das Urteil« ersetzt, der in der Print-Ausgabe des nächsten Tages dem Feuilleton als Aufmacher dient. Dieser Artikel unterscheidet sich in Stil und Inhalt nicht von Schirrmachers TV-Statement, entsprechend den Konventionen in solchen Häusern.


Zum Schluss mal weg von den Querelen. Wie sieht das tagtägliche Verlagsgeschäft bei Suhrkamp aus?

Nehmen wir nur ein Beispiel: Den Philosophen Hans Blumenberg (1920–1996), dessen Schriften bei Suhrkamp erschienen, zählt der Verlag auf seiner Website »fraglos zu den großen, solitären Gestalten in der Philosophie des 20. Jahrhunderts«. Das ist dann nur wohlfeiles Gerede, wenn dem keine adäquaten verlegerischen Taten folgen. Und leider muss man feststellen, dass Blumenbergs Hauptwerke – Die Genesis der kopernikanischen Welt (1975), Arbeit am Mythos (1979), Die Lesbarkeit der Welt (1981), Lebenszeit und Weltzeit (1986) und Höhlenausgänge (1989) – seit vielen Jahren nicht mehr in gebundener (oder wenigstens in broschierter) Form, sondern ausschließlich als Taschenbücher (stw) lieferbar sind. So wird sichtbar, wie sich Anspruch und Wirklichkeit auf gleichsam obszöne Weise widersprechen: Die Lesbarkeit der Welt als Taschenbuchware. Ja, bei anderen Verlagen gibt es vergleichbare Missstände. Aber Suhrkamp vergleicht sich ja sui generis nie mit anderen Verlagen.

In diesem Zusammenhang findet sich allerdings auf der Website des Verlags ein wunderbares Zeugnis postpubertärer Hybris eines 28jährigen Journalisten: »Mit Erscheinen seines Buches Die Sorge geht über den Fluß wird der literarische Rang dieses Denkers unverkennbar. Wir werden künftig, wenn wir von den führenden Schriftstellern des Landes reden, auch den Namen Blumenberg erwähnen müssen.« Veröffentlicht wurden diese altklug-gefinkelten Zeilen 1987 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Autor: Frank Schirrmacher. Immer schon verquast.



Weiterhin gnadenlos. Die Website der Bayreuther Festspiele


Im Impressum der Website der Bayreuther Festspiele finden sich folgende Angaben: »www.bayreuther-festspiele.de ist ein Internetangebot der Bayreuther Festspiele GmbH … Geschäftsführung: Eva Wagner-Pasquier, Katharina Wagner …« Doch die Bayreuther Festspiele GmbH delegiert die Verantwortung für den Inhalt der Website an die – fehlerhaft nicht verlinkte – BF Medien GmbH, deren Geschäftsführerin wiederum Katharina Wagner ist, was allerdings auf der Website der Festspiele nicht angegeben wird.

Somit ist die 1982 geborene Katharina Wagner alleinverantwortlich für den Inhalt der Website der Bayreuther Festspiele, die in dieser Form am 17.07.2008 – unter der damaligen Verantwortung ihres Vaters Wolfgang Wagner – ins Netz gestellt wurde. Eine Website, die angeblich u.a. »interessante Informationen zu Architektur und Geschichte der Bayreuther Festspiele bereit« halten soll.

Die Festspiele fanden bekanntlich von 1876 bis 1944 und von 1952 bis 2012 statt; 2013 werden sie angesichts des 200. Geburtstags von Richard Wagner als »Jubiläumsfestspiele« angekündigt. Diese schlichten Informationen zur Historie sucht der Besucher der Website vergeblich. Er findet stattdessen unter EINBLICKE/Festspielgeschichte/Chronologie nur knappe – und peinlich zusammengeschusterte – Angaben zu Richard Wagners Leben in chronologischer Form. Alle Informationen zu den einzelnen Aufführungen, Sängern, Dirigenten, Regisseuren etc. beginnen mit dem Jahr 1952.

Ergo: zwischen 1882 und 1952 gab es überhaupt keine Bayreuther Festspiele! Basta. Dies auf der Website als »Festspielgeschichte« zu deklarieren ist eine – durch nichts zu entschuldigende – dummdreiste Gedankenlosigkeit, die sich allerdings nahtlos in das skurrile Bayreuther Geschichtsverdrängungsschema einfügt. Und alle, die die Festspiele subventionieren, fördern, sponsern … schweigen hügelartig.

Die 2012 von dem Historiker Hannes Heer kuratorisch realisierte Ausstellung »Verstummte Stimmen. Die Bayreuther Festspiele und die Juden 1876 – 1945« im oberen Festspielpark hätte einen deutlichen Widerhall auf der Website finden müssen. Auf diese wichtige Ausstellung nur in den PRESSELINKS versteckt hinzuweisen, ist ein eklatanter Beweis für die Unfähigkeit, sich der eigenen Familiengeschichte zu stellen.

Es gibt keine Ausreden mehr hinsichtlich dieser Unbelehrbarkeit. Die Website der Bayreuther Festspiele ist in der jetzigen Form inakzeptabel. Weitgehend subventioniert von der Bundesregierung, dem Land Bayern und der Stadt Bayreuth, ist diese Website eine Beleidigung und Last für den gesamten öffentlichen Kulturbetrieb dieses Landes – weltweit sichtbar.

Seit 2008 haben Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner als Leitungsteam der Bayreuther Festspiele die Chance gehabt, die historischen Erkenntnisse öffentlich anzuerkennen und angemessen darzustellen. Nichts davon ist sichtbar resp. alles bleibt unsichtbar. Gnadenlos.




Zoran Đinđić


Heute vor zehn Jahren wurde der Philosoph Dr. Zoran Đinđić, geboren am 1. August 1952 und seit 2001 amtierender Ministerpräsident der Republik Serbien, in Belgrad von dem Scharfschützen Zvezdan Jovanović, Vizekommandant der »Roten Barette«, einer von Slobodan Milošević († 2006 ) gegründeten Polizeieinheit, ermordet.

Eine Teilnahme des österreichischen Schriftstellers Peter Handke an der Beerdigung von Zoran Đinđić ist nicht überliefert.



Streikposten


Nichtendogene Depressionen sind Streikposten wider den Glauben an die Glückseligkeit.



Encore


Wieder einmal ein kleiner Umbau dieses Blogs … Das neue Layout soll die Eigenständigkeit innerhalb der KUNSTKANZLEI betonen. Und es wird zukünftig nur noch in Ausnahmefällen Bildmaterial eingesetzt werden. Zudem hatten einige Leser mit der bisherigen Schrift resp. Schriftgröße Schwierigkeiten. Das musste geändert werden. Gleichzeitig wurden zahlreiche alte Artikel=Posts entfernt.

Ab jetzt erscheinen bei Aufruf des Blogs nur die jeweils 3 letzten Posts. Alle anderen sind über die Archiv-Funktionen oder RSS abrufbar.



Wagner in vitro

Ende Januar stellte Jürgen Kesting in seinem FAZ-Artikel »Wenn ich nur seine Stimme hätte« zum x-ten Mal über Wagner-Tenöre fest: »Die Frage nach ›richtigen‹ Sängern für seine Helden, für Siegfried, Tannhäuser oder Tristan, gehört zu den Leitmotiven in seinen Schriften.« In der Literaturkritik spricht man zwar allenfalls von Leitgedanken oder -themen, aber bei Richard Wagner ist es für Kesting auch dort ein »Leitmotiv«. Und seine Heiligkeit schreibt ja seit Jahrzehnten in der Gnade der Unfehlbarkeit.

Hauptfiguren des Artikels sind – parallel zu der hyperpedantischen Vermessung der einzelnen Partien inklusive Notenzählung(!) – die Tenöre Joseph Tichatschek (1807–1886) und Ludwig Schnorr von Carolsfeld (1836–1865). Von deren Gesangskunst existieren aber nun einmal keine Tondokumente. Doch Kesting wäre eben nicht Kesting, brächte er nicht sein stimmpäpstliches Echolot ins Spiel: »Denkbar, dass wir in den Aufnahmen von Leo Slezak ein Echo dieses hellleuchtenden Stimmklangs Tichatscheks vernehmen.« Also alles – wie immer – eine retrospektive Fiktion à la Kesting: Gesang in vitro.