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Wahn! Wahn! Überall Wahn!


Am späten Nachmittag lancierte Sandra Kegel, FAZ-Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben, unter der Überschrift »Mediator. Naumann vermittelt im Suhrkamp-Konflikt« eine formidable Falschmeldung auf FAZ.NET.

Bei der Lektüre stellt sich sehr schnell heraus, dass seitens der Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung, also von Ulla Unseld-Berkéwicz und ihrem Vorstandskollegen und Rechtsanwalt Peter Raue, lediglich ein Gesprächsangebot vorgelegt wurde, »um die bestehenden Konflikte der Gesellschafter des Suhrkamp Verlages zu lösen.« Frau Kegel schreibt weiter: »Die Stiftung bestellte den ehemaligen Kulturstaatsminister Michael Naumann zum Mediator.«

Spätestens beim Schreiben dieses Satzes hätte Frau Kegel bemerken müssen, dass etwas faul ist im Suhrkamp-Staat. Ein Mediator kann niemals von einem Gesellschafter bestellt werden. Beide Gesellschafter müssen sich auf einen Mediator verständigen – siehe dazu die wunderbare FAZ-Glosse »Suhrkamp 21« von Jan Wiele. Jedenfalls sehen Anstand, Vernunft und Gesetz das vor.

Und selbstverständlich lässt Naumann auf Anfrage gleich noch ein paar Spruchblasen in Sachen Suhrkamp aufsteigen. Dann schreibt Frau Kegel auch schon ihren letzten Satz: »Bislang hat Hans Barlach auf das Gesprächsangebot nicht reagiert.«

Form und Inhalt dieser Meldung resp. dieses kurzen Artikels kann man, nein: muss man als strohdummen Versuch einer (weiteren) öffentlichen Demütigung des Suhrkamp-Gesellschafters Hans Barlach werten; und es ist eine derart dummdreiste Provokation, die den Verdacht nahe legt, dass Richter Gieritz vom LG Frankfurt nur noch eine gesetzliche Möglichkeit haben wird: er wird den Verlag auflösen.

Ulla Unseld-Berkéwicz und Peter Raue bieten an und bestellen. Das zeugt einmal mehr von dramatischem Realitätsverlust und erschreckender Bildungsferne angeblicher »Geistesmenschen«. Übrig geblieben sind realiter Megalomanie und eine besonders widerliche Form von Arroganz statt »Verlagskultur«.

Und ausgerechnet Michael Naumann!
Hatte der nicht als Chefredakteur des Monatsmagazins Cicero gerade erst – am 12.12.2012 – den Artikel »Keine Absurditäten mehr ausgeschlossen« zur Causa Suhrkamp geschrieben? Und was schrieb der angebliche Mediator von Suhrkamps Gnaden, der Barlach grundsätzlich als »Möchtegern-Verleger« schmäht?

»Hans Barlach, in einem Wort, will Kohle machen. Er hält sich auch für einen besseren Verleger, nicht ahnend, dass zwischen satten Deckungsbeiträgen kraft Masseware und literarischer Qualität ein himmelhochweiter
[sic!] Unterschied existiert. Mehr noch, er nennt bekannte Verlegernamen, die er als Nachfolger von Ulla Unseld-Berkéwicz sieht. Keinen einzigen von ihnen hat er gefragt. Sie sind empört. Und kein einziger wäre so dumm, seinem Ruf zu folgen. Der Mann ist beleidigt, gekränkt, verärgert und einfach wütend – ein Racheengel mit einer Heerschar von Anwälten im Rücken.«

In einem heute um 19:07 Uhr vom Deutschlandradio Kultur ausgestrahlten Interview mit Naumann hat dieser wirklich die Chuzpe zu behaupten, »dass es jetzt darauf ankommt, dass Herr Barlach bereit ist, überhaupt ein Gespräch mit mir zu führen«. Und dann schwafelt er noch vom entscheidenden »walk of the wood« bei den seinerzeitigen Genfer Abrüstungsgesprächen. Ein bestellter Graus.

Man kann sich dieses trio infernale lebhaft vorstellen, wie sie sich gegenseitig diese zynische Dämlichkeit als Geisteswitz vorgegaukelt haben, denn Naumann ist doch auch seit 2010 Mitglied im »Board of Trustess« des milliardenschweren Medienunternehmens Thomson Reuters Corporation.

Es wird einfach immer ekelhafter. Und man muss erkennen: Suhrkamp ist vollkommen am Ende. So oder so. Aber für die Trauerfeier gibt es ja bekanntlich bereits die passende »Begegnungsstätte« in der Villenkolonie Nikolassee mit ausreichend Veuve Cliquot Ponsardin und Streichquartett. Und danach müssen sich die verlegten Autoren wieder finden und bei ordinären Verlagen veröffentlichen. Nur Peter Handke wird für immer im Wald verschwinden.



Erbschaft (in) dieser Zeit


Leitet man in seinem achten Lebensjahrzent ein eigenes mittelständiges Unternehmen, so denkt man in der Regel rechtzeitig über seinen eigenen Tod hinaus. Im Falle von Siegfried Unseld und seinem Suhrkamp Verlag – also der Suhrkamp Verlag GmbH und Co. KG – ist das Ergebnis offenkundig vollkommen misslungen. Seit über einem Jahrzehnt – Unseld starb nach längerer Krankheit am 26.Oktober 2002 – wird über den Suhrkamp Verlag (fast) nur noch als Erbschaftsangelegenheit und den daraus resultierenden Unternehmensentscheidungen und -querelen berichtet.

Im Moment scheint niemand genau zu wissen, wer den Verlag eigentlich rechtswirksam leitet oder leiten darf. Und erst am 13.02.2013 wird das Landgericht Frankfurt entscheiden, ob der Suhrkamp Verlag in Zukunft überhaupt noch existieren wird. Kurzum: nix genaues weiß man – siehe dazu den gestrigen FAZ-Artikel »Die Logik der Entscheidung«.

Peter Suhrkamp gründete 1948 seinen Verlag, 1952 trat Siegfried Unseld in den Verlag ein, wurde 1957 persönlich haftender Gesellschafter und nach Suhrkamps Tod 1959 dessen Nachfolger. Der Name Suhrkamp blieb selbstverständlich als Programm und Qualitätsgarantie erhalten …

Unseld erkannte früh, dass sich der Verlag nach innen immer wieder verändern musste, aber in der Aussendarstellung als Markenzeichen absolute Konstanz verlangte. Die Ästhetik der klassischen Moderne – hier sei besonders an die unschätzbaren Leistungen des Kommunikationsdesigners Willy Fleckhaus erinnert – wurde ein integraler Bestandteil der Verlagskultur. Fleckhaus lieferte die Entwürfe für die Buchreihen des Suhrkamp Verlags Bibliothek Suhrkamp (1959), Edition Suhrkamp (1962) und Suhrkamp Taschenbuch sowie für die Taschenbücher des Insel Verlags – it.

Aber nach dem Tod Unselds vollzog seine Witwe – Ulla Unseld-Berkéwicz – einen Paradigmenwechsel nach dem anderen –: 2004 änderte sie das Titeldesign und die Typografie der Edition Suhrkamp und des Suhrkamp Taschenbuchs. Das Ergebnis ist eine ästhetische Vernichtung. Ab 2008 lassen edition suhrkamp und suhrkamp taschenbuch wissenschaft auftragsbezogen von der Fa. Books on Demand drucken und ausliefern, wenn Nachdrucke sich voraussichtlich nicht lohnen. Fast gleichzeitig entstanden die edition unseld, die unseld lectures und die filmedition suhrkamp. 2009 wurden alle Suhrkamp-Archive an das Deutsche Literaturarchiv Marbach verkauft. 2010 wurde das gesamte verbliebene Frankfurter Bucharchiv des Verlags an den Versandhändler Zweitausendeins veräußert, der die Bücher in seinen Läden verramschte …

Nicht zu vergessen ist der unfriedliche Weggang wesentlicher Mitarbeiter und Autoren: Günter Berg, Mechthild Strausfeld, Martin Walser, Adolf Muschg, Imre Kertész, Katharina Hacker etc.

Seit Anfang 2010 hat die Suhrkamp Verlag GmbH und Co. KG ihren Hauptsitz endgültig von Frankfurt nach Berlin-Prenzlauer Berg verlegt. Das Suhrkamp-Haus in Frankfurt wurde 2011 abgerissen. Heute existiert noch ein Verlag mit Namen Suhrkamp, aber die einst von George Steiner definierte »Suhrkamp-Kultur« ist schon längst der Welt abhanden gekommen.

Stattdessen wird mit der dezenten Behauptung »Siegfried Unseld ist unbestritten der größte Verleger des 20. Jahrhunderts« ein hauseigener Unseld-Kult etabliert: Seine Briefwechsel mit Thomas Bernhard, Peter Handke, Uwe Johnson, Wolfgang Koeppen und Peter Weiss werden sicherlich um zahlreiche Korrespondenzen erweitert werden; von seinen 1970 begonnenen »Chroniken« werden vermutlich noch unzählige Bände erscheinen etc. …

All dies verweist verlegerisch mehr auf eine Geisterbeschwörung als auf kreative Entwicklungen. Gralshüter sind letztlich immer nur humorlose Totengräber.