In memoriam



Einer der letzten Sozialdemokraten in der SPD


Der heute verstorbene Ottmar Schreiner – Volljurist und seit 1980 für die SPD Mitglied des Deutschen Bundestages – konnte und wollte sich nicht mit Gerhard Schröders »Agenda 2010« abfinden. Für sein sozialdemokratisches Gewissen stellte die daraus zwangsläufig resultierende ökonomische Umverteilung von unten nach oben einen eklatanten Verrat an Partei und Wähler dar. Dass ausgerechnet die SPD mit »Hartz 4« dem Sozialstaat einen mehr als schweren Schaden zufügte, das konnte der ehemalige Bundesgeschäftsführer der SPD (1998-1999) kaum ertragen. Nicht er hatte sich seit dieser Zeit von der Partei entfernt, vielmehr entfernte sich die Partei zunehmend von sich selbst.

Den Satz von Rainer Hank in der F.A.Z., der an seinem Todestag erschien, musste er nicht mehr lesen: »Hatz auf Reiche. Das könnte den Regierungen so passen: Den Steuerwettbewerb zum Ersticken bringen, um umso ungenierter auf das Geld der Reichen zugreifen zu können.«

Als die SPD noch eine sozialdemokratische Partei war, wurde er als Pragmatiker geschätzt. Aber Schröder, Müntefering, Steinbrück u.v.a. sorgten dafür, dass er zuletzt vielen als unbeweglicher Betonlinker galt. Auch jetzt wird die SPD nicht begreifen, »was da gestorben ist«.



Zoran Đinđić


Heute vor zehn Jahren wurde der Philosoph Dr. Zoran Đinđić, geboren am 1. August 1952 und seit 2001 amtierender Ministerpräsident der Republik Serbien, in Belgrad von dem Scharfschützen Zvezdan Jovanović, Vizekommandant der »Roten Barette«, einer von Slobodan Milošević († 2006 ) gegründeten Polizeieinheit, ermordet.

Eine Teilnahme des österreichischen Schriftstellers Peter Handke an der Beerdigung von Zoran Đinđić ist nicht überliefert.



Peymann & Co. beantworten eine alte Frage Bertolt Brechts


In memoriam Peter Fitz (8. August 1931 – 9. Januar 2013)

I · Die lyrische Frage

Bertolt Brecht
Der Radwechsel

Ich sitze am Straßenrand
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?

(1953 – »Buckower Elegien«)



II · Die prosaische Antwort

BE

Screenshot : berliner-ensemble.de/wir-suchen | 11.01.2012, 12:40


III · Die linkssozialen Finder

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»Das Berliner Ensemble – ein Theater für Zeitgenossen«
Direktion :: Hermann Beil (Dramaturg), Jutta Ferbers (Dramaturgin), Miriam Lüttgemann (Geschäftsführerin), Claus Peymann (Regisseur, Intendant)






Der Buchhändler :: Hans Brockmann zum 70. Geburtstag


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Hans Brockmann, 1993

In den elysischen Gefilden Westberlins gibt es nur eine Buchhandlung: die Heinrich Heine Buchhandlung im S-Bahnhof Zoo. Eher eine Bücherwunderhöhle. Muss man darauf hinweisen, dass deren Kunden – von Jacob Taubes bis Heiner Müller, von Uwe Johnson bis Christa Wolf und von Susan Sontag bis Gilles Deleuze – dort weiterhin ihr »Konto« haben? Inhaber der Höhle und ewiger Verwalter der Konten ist Hans Brockmann, der uns allerdings schon am 11. Juli 1994 zu schriftgläubigen Hinterbliebenen machte.

Nur kurze Zeit begegneten sich die so Verlassenen noch in der entzauberten Buchhandlung, dann verschwand auch sie, genau am 16. Dezember 1994. Ohne Hans hatte sie keine Chance mehr, denn er war die Buchhandlung. Eine Identitäts- und keine Besitzerfrage.

Etwa 1992 hatte irgendjemand von der Deutschen Bundesbahn im Einheitsrausch die Idee, der Heinrich Heine Buchhandlung durch eine explosive Mieterhöhung den Garaus zu machen, da Hans Brockmann sich naturgemäß geweigert hatte, aus seiner Kulthöhle ein zeitgeistiges Pissoir in Gestalt einer »dem Bahnhof angemessenen Buchpräsentation« machen zu lassen. Der Bahnvertreter, der mit der Schreibweise »Heinrich-Heine-Buchhandlung« eine Todsünde beging, hatte die Rechnung allerdings ohne einen Konto-Inhaber gemacht.

Denn der wußte, dass Heinz Dürr, der Präsident der Bahn, mit Joachim Unseld vom Suhrkamp Verlag eng befreundet war. Also gab’s ein Telefonat mit Unseld, der wiederum beim nächsten Treffen mit Dürr die Sache besprach. Drei Wochen nach der Drohung war die Sache vom Tisch. Die Buchhandlung blieb unversehrt.

hhb

Aber dann kam doch für uns die Zeit der Suche nach einer neuen Handlung. Die alte Autoren-Buchhandlung in der Carmerstraße oder Knesebeck 11 waren für einige die ersten Zufluchtsstätten. Heutzutage kann man sich über neue kleine Buchhandlungen freuen – in Charlottenburg zum Beispiel über die Buchhandlung Winter …

Egal wo auch immer wir Überlebenden unsere neuen Bücher in die Hand nehmen, da hören wir diesen dumpfen Donner der Transitzüge über unseren Köpfen und ahnen den Geruch dieses einmaligen Bibliotops.

Hans Brockmann wäre am heutigen Tag 70 Jahre alt geworden. Unvorstellbar und wünschenswert zugleich.