Nationalsozialismus



»Wieso fasziniert Hitler?« – Eine Journalistische Bankrotterklärung


Heute – 14 Tage vor Beginn des NSU-Prozesses in München !! – bekam ich eine an mich persönlich adressierte E-Mail von Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT.

Er schrieb: »… am Donnerstag erscheint die neue ZEIT mit dem Wichtigsten aus Politik, Wirtschaft, Wissen und Kultur. Ich freue mich, Ihnen hier einige Themen der neuen Ausgabe vorstellen zu können. Ihr Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur«

Es folgte u.a. ein Thumbnail des Titelbilds der neuen Ausgabe und folgender Text:

Hitlers letzter Sieg Vor 30 Jahren fiel der »stern« auf frei erfundene Tagebücher des ›Führers‹ herein. Ein bis heute unbegreiflicher Skandal. Der mitverantwortliche Chefredakteur Felix Schmidt schrieb damals alles auf. Ein Dokument des Wahns, das er erst jetzt zum Abdruck freigibt. Außerdem: Wieso fasziniert Hitler? Antworten des Historikers Volker Ullrich und des Sozialpsychologen Harald Welzer.



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Zeichnung der Originaltitelseite                                                          Zeichnung Titelseite ohne Hitler



»Wieso fasziniert Hitler?«
Stellt sich nicht eher die Frage: Wie kommt DIE ZEIT auf die absurde Unterstellung, dass Hitler im Jahre 2013 immer noch ein Faszinosum sei? In Luftkrieg und Literatur von W.G. Seebaldt findet sich der Satz: »Elias Canetti hat das Faszinosum der Macht in ihrer reinsten Ausprägung in Verbindung gebracht mit der steigenden Zahl der von ihr aufgehäuften Opfer.« Und ist diese Frage der ZEIT nicht genau deshalb ein ungeheurer Skandal? Sind die verantwortlichen Redakteure der ZEIT so von Hitler fasziniert, dass sie wissen wollen, warum?

»Die Faszination des Bösen« oder ähnliche Themenabhandlungen verstellen seit Jahrzehnten den Blick auf die wissenschaftliche und gesellschaftliche Aufarbeitung des Deutschen Nationalsozialismus von der Gründung der rassistischen NSDAP im Jahre 1920 – ab 1921 war Hitler Parteivorsitzender – bis zum Kriegsende am 8. Mai 1945.

DIE ZEIT stellt sich nun in eine Reihe z.B. mit dem SPIEGEL und dem ZDF in Sachen Hitler-Manie/Obsession: »Hitler in Farbe« · »Hitler ganz privat« · »Hitler im Urlaub«. Das o.a. Titelblatt ist ein Beweis für den medialen Verwertungsnutzen der nationalsozialistischen Verbrechen. Ohne diese fatal-dumme Schlagzeile und die idealisierte (!!!) Darstellung Hitlers, also ohne den »medialen Hitler-Effekt« scheint DIE ZEIT das »Jubiläum« des STERN-Debakels nicht verkaufen zu wollen (s. Titelseite ohne Hitler).

Niemand wird ernsthaft bezweifeln, dass DIE ZEIT antifaschistisch und antirassistisch war und ist. Das Problem ist die marktorientierte journalistische Gedankenlosigkeit und eine politische Geschmacklosigkeit. Insgesamt: eine Bankrotterklärung.

Hinweis: Aus urheberrechtlichen Gründen wurde auf die Abbildung der Originaltitelseite verzichtet und durch eine Zeichnung ersetzt. Beim Klick auf die Zeichnung kommen Sie zur Originalseite.



Weiterhin gnadenlos. Die Website der Bayreuther Festspiele


Im Impressum der Website der Bayreuther Festspiele finden sich folgende Angaben: »www.bayreuther-festspiele.de ist ein Internetangebot der Bayreuther Festspiele GmbH … Geschäftsführung: Eva Wagner-Pasquier, Katharina Wagner …« Doch die Bayreuther Festspiele GmbH delegiert die Verantwortung für den Inhalt der Website an die – fehlerhaft nicht verlinkte – BF Medien GmbH, deren Geschäftsführerin wiederum Katharina Wagner ist, was allerdings auf der Website der Festspiele nicht angegeben wird.

Somit ist die 1982 geborene Katharina Wagner alleinverantwortlich für den Inhalt der Website der Bayreuther Festspiele, die in dieser Form am 17.07.2008 – unter der damaligen Verantwortung ihres Vaters Wolfgang Wagner – ins Netz gestellt wurde. Eine Website, die angeblich u.a. »interessante Informationen zu Architektur und Geschichte der Bayreuther Festspiele bereit« halten soll.

Die Festspiele fanden bekanntlich von 1876 bis 1944 und von 1952 bis 2012 statt; 2013 werden sie angesichts des 200. Geburtstags von Richard Wagner als »Jubiläumsfestspiele« angekündigt. Diese schlichten Informationen zur Historie sucht der Besucher der Website vergeblich. Er findet stattdessen unter EINBLICKE/Festspielgeschichte/Chronologie nur knappe – und peinlich zusammengeschusterte – Angaben zu Richard Wagners Leben in chronologischer Form. Alle Informationen zu den einzelnen Aufführungen, Sängern, Dirigenten, Regisseuren etc. beginnen mit dem Jahr 1952.

Ergo: zwischen 1882 und 1952 gab es überhaupt keine Bayreuther Festspiele! Basta. Dies auf der Website als »Festspielgeschichte« zu deklarieren ist eine – durch nichts zu entschuldigende – dummdreiste Gedankenlosigkeit, die sich allerdings nahtlos in das skurrile Bayreuther Geschichtsverdrängungsschema einfügt. Und alle, die die Festspiele subventionieren, fördern, sponsern … schweigen hügelartig.

Die 2012 von dem Historiker Hannes Heer kuratorisch realisierte Ausstellung »Verstummte Stimmen. Die Bayreuther Festspiele und die Juden 1876 – 1945« im oberen Festspielpark hätte einen deutlichen Widerhall auf der Website finden müssen. Auf diese wichtige Ausstellung nur in den PRESSELINKS versteckt hinzuweisen, ist ein eklatanter Beweis für die Unfähigkeit, sich der eigenen Familiengeschichte zu stellen.

Es gibt keine Ausreden mehr hinsichtlich dieser Unbelehrbarkeit. Die Website der Bayreuther Festspiele ist in der jetzigen Form inakzeptabel. Weitgehend subventioniert von der Bundesregierung, dem Land Bayern und der Stadt Bayreuth, ist diese Website eine Beleidigung und Last für den gesamten öffentlichen Kulturbetrieb dieses Landes – weltweit sichtbar.

Seit 2008 haben Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner als Leitungsteam der Bayreuther Festspiele die Chance gehabt, die historischen Erkenntnisse öffentlich anzuerkennen und angemessen darzustellen. Nichts davon ist sichtbar resp. alles bleibt unsichtbar. Gnadenlos.