Verlage



Von wem ist die Rede, wenn von Suhrkamp die Rede geht?


Der Suhrkamp Verlag wurde am 20. März vom Landgericht Frankfurt dazu verurteilt, Hans Barlachs Medienholding Winterthur einen Betrag aus dem nichtoperativen Gewinn des Bilanzjahres 2010 in Höhe von 2.184.000 € – plus Zinsen in Höhe von ca. 60.000 € – zu zahlen. Das Gericht stellte in der mündlichen Urteilsbegründung fest: »Es ist in Erinnerung zu rufen, dass die Klägerin [Barlachs Medienholding Winterthur] und die Streithelferin [die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung] in der Gesellschaftsvereinbarung klipp und klar gemeinsam festgehalten haben: ›Ziel der Klägerin ist, von den Suhrkamp-Kommanditgesellschaften möglichst hohe Ausschüttungen zu erhalten‹.« Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Vertreten wurde Suhrkamp durch die Hamburger Kanzlei Witthohn Aschmann Schellack, die die Welt auf Ihrer Website wissen lässt: »Wir entwickeln für unsere Mandanten ganzheitliche Lösungen in den Bereichen Recht, Steuern und Bilanzierung. Für die Durchsetzung der Mandanteninteressen nutzen wir unsere langjährige Erfahrung. Wir sind Spezialisten, fachübergreifend, unternehmerisch, zielorientiert und nachhaltig.« Die aus diesem Rechtsstreit bisher entstandenen Anwalts- und Gerichtskosten dürften für Suhrkamp ca. 70.000 € betragen.

Suhrkamps Pressesprecherin Tanja Postpischil erklärte: »Da uns die [schriftliche] Urteilsbegründung bislang noch nicht vorliegt, gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellungnahme unsererseits.«

Das ist in Umrissen der schlichte Sachverhalt.

Doch es gibt ja noch so etwas wie den ›wahren Anwalt & Sprecher‹ von Suhrkamp resp. Ulla Unseld-Berkéwicz: Dr. phil. Frank Schirrmacher, Journalist, Sachbuchautor und seit 1994 Herausgeber des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seit 1999 wahrhaftig – verliehen durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog – Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse. Er wird zu den bestvernetzten und einflussreichsten Zeitungsmachern Deutschlands gezählt. Selbst skandalöse Auftritte — wie z.B. die widerwärtig devote Laudatio auf den Scientologen und Schauspieler Tom Cruise bei der »Bambi«-Verleihung 2007 – bleiben für Schirrmacher letztlich ohne Folgen.

Im vorliegenden Fall entschied sich Schirrmacher offensichtlich, zunächst Sandra Kegel über die Niederlage Suhrkamps auf FAZ.NET unter dem Titel »Es geht um die Existenz« berichten zu lassen. Der Artikel endet mit folgenden Sätzen: »Barlach auf Konfrontationskurs. Für eine Stellungnahme waren bislang weder der Verlag noch Hans Barlach zu erreichen. Dass eine Gewinnentnahme, wie sie Barlach in Frankfurt jetzt erstritten hat, in dieser Größe an die Existenz des Verlages geht, steht außer Frage: Der Verlag hatte, wie auch der Anwalt Witthohn bestätigt, bisher geltend gemacht, diese Summe gar nicht aufbringen zu können. Das Frankfurter Landgericht hingegen befand, der Verlag hätte dafür ›notfalls‹ ein Darlehen aufnehmen müssen. / Wie sehr Barlach auf Konfrontationskurs geht, ist daraus ersichtlich, dass er eine Stunde nach Urteilsverkündung über seinen Anwalt per E-Mail ausrichten ließ, alle bisher laufenden Mediationsgespräche abzubrechen
Hat Frau Kegel das Urteil nicht verstanden oder will sie es nicht verstehen. Die »Gewinnentnahme« steht Barlach aus dem nichtoperativen Gewinn zu: Verkauf des Suhrkamp-Archivs, des Frankfurter Verlagshauses etc. Der Unterschied zwischen operativem und nichtoperativem Gewinn wird in dem Artikel vorsätzlich oder grob fahrlässig unterschlagen. Journalismus auf BILD-Niveau.

Während dieser Artikel online ist, beantwortet Schirrmacher dem Fernsehsender 3sat vor der Kamera die Frage, was dieses Urteil für Suhrkamp bedeute. »Für den Verlag bedeutet es eine Fortführung eines Kalten Krieges mit seinem wichtigsten Gesellschafter oder Gemein… [unverständlich]. Die entscheidende Frage aber, auch die journalistische Frage ist: was will Hans Barlach? Barlach hat vor Gericht mitteilen lassen – unlängst, er will, dass Peter Handke und Rainald Goetz aus dem Verlag geschmissen werden, weil sie ihn beleidigt hätten, was eine totale Überschreitung aller Konventionen in solchen Häusern ist. Barlach hat mitgeteilt, er glaube nicht mehr an die Mediation nach dem heutigen Urteil. Und das heißt, welche Absichten er eigentlich hat. Im Augenblick hat man den Eindruck: die Zerstörung des Verlags.« (Quelle: 3sat »Kulturzeit«, Sendung vom 20.03.2013)

Später wurde der Text von Sandra Kegel durch einen neuen Text von ihr und Edo Reents mit dem hybriden Titel »Das Urteil« ersetzt, der in der Print-Ausgabe des nächsten Tages dem Feuilleton als Aufmacher dient. Dieser Artikel unterscheidet sich in Stil und Inhalt nicht von Schirrmachers TV-Statement, entsprechend den Konventionen in solchen Häusern.


Zum Schluss mal weg von den Querelen. Wie sieht das tagtägliche Verlagsgeschäft bei Suhrkamp aus?

Nehmen wir nur ein Beispiel: Den Philosophen Hans Blumenberg (1920–1996), dessen Schriften bei Suhrkamp erschienen, zählt der Verlag auf seiner Website »fraglos zu den großen, solitären Gestalten in der Philosophie des 20. Jahrhunderts«. Das ist dann nur wohlfeiles Gerede, wenn dem keine adäquaten verlegerischen Taten folgen. Und leider muss man feststellen, dass Blumenbergs Hauptwerke – Die Genesis der kopernikanischen Welt (1975), Arbeit am Mythos (1979), Die Lesbarkeit der Welt (1981), Lebenszeit und Weltzeit (1986) und Höhlenausgänge (1989) – seit vielen Jahren nicht mehr in gebundener (oder wenigstens in broschierter) Form, sondern ausschließlich als Taschenbücher (stw) lieferbar sind. So wird sichtbar, wie sich Anspruch und Wirklichkeit auf gleichsam obszöne Weise widersprechen: Die Lesbarkeit der Welt als Taschenbuchware. Ja, bei anderen Verlagen gibt es vergleichbare Missstände. Aber Suhrkamp vergleicht sich ja sui generis nie mit anderen Verlagen.

In diesem Zusammenhang findet sich allerdings auf der Website des Verlags ein wunderbares Zeugnis postpubertärer Hybris eines 28jährigen Journalisten: »Mit Erscheinen seines Buches Die Sorge geht über den Fluß wird der literarische Rang dieses Denkers unverkennbar. Wir werden künftig, wenn wir von den führenden Schriftstellern des Landes reden, auch den Namen Blumenberg erwähnen müssen.« Veröffentlicht wurden diese altklug-gefinkelten Zeilen 1987 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Autor: Frank Schirrmacher. Immer schon verquast.



Il cavaliere bianco


Der SPIEGEL zitiert unter dem Titel »Barlach zum Suhrkamp-Streit: "Ein Unding, was hier passiert"« aus einem Interview, das er mit Hans Barlach in Sachen Suhrkamp geführt hat und die F.A.Z. zitiert wiederum aus dieser Meldung unter dem Titel »Barlach zum Suhrkamp-Streit: Der weiße Ritter«.

Und schon haben wir zwei »Quellen«. Da die F.A.Z. aber keinen einzigen eigenen Gedanken beisteuert, stellt sich die Frage, worin die geistige Leistung (Schöpfungshöhe) besteht, die es der F.A.Z. erlaubt, diese Meldung als eigene »Quelle« zu bezeichnen und noch darauf zu verweisen »Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben« – auch wenn es sich überhaupt nicht um einen »Artikel« handelt. Ein klassisches Beispiel für die unsinnige Mehrwertgepflogenheiten des heutigen Print-Journalismus im Netz.

Und was ist der Inhalt der verbreiteten Nachricht? Barlach besteht rigoros auf Entlassung der Geschäftsführer Unseld-Berkéwicz & Co. Zudem ist er der Ansicht, »dass die Familienstiftung ihre Mehrheit« abzugeben habe, und seine Medienholding AG ihre Anteile im Gegenzug soweit abgebe, »um einem Dritten, einem sogenannten weißen Ritter, die Mehrheit zu verschaffen«. Und das war’s auch schon.

Das LG Frankfurt wird so am kommenden Mittwoch – 13. Februar – das umsetzen, was es bereits gegenüber beiden Parteien mehr als eindringlich angekündigt hat: den Suhrkamp Verlag im Rahmen des Gesellschaftsrechts auflösen … oder …



Profit Neujahr!


Mit einer Erwiderung Richard Kämmerlings’ auf Frank Schirrmachers FAZ-Artikel wird die Suhrkamp-Chose ins Neue Jahr verfrachtet. In der Hauptsache weist Kämmerlings – nur allzu verständlich – den Angriff Schirrmachers zurück: »Es ist ein nicht anders als böswillig zu nennender Angriff auf meine journalistische Seriosität.«

Dass Kämmerlings den Leitartikel von Jürgen Kaube noch einmal in Erinnerung ruft, ist diesem Hickhack mehr als dienlich. Kaube schrieb den bisher klarsten Artikel in Sachen Suhrkamp. Und dieser Artikel muss Schirrmacher (und Ulla Unseld-Berkéwicz?) äußerst provoziert haben, denn die FAZ galt für die »Suhrkamp-Kultur« – auch wenn’s die überhaupt nicht mehr gibt – als absoluter Rückhalt.

Kämmerlings Ansichten decken sich in vielen Aspekten mit den hier bereits formulierten Vorbehalten gegenüber Schirrmachers Scheinheiligkeit in puncto Parteilichkeit/Parteigängerschaft.

Er beendet seine Erwiderung entsprechend mit den Sätzen: »Frank Schirrmacher sieht die "Mechanik einer Rufschädigung" am Werk. Ausgerechnet eine solche versucht er mit seinen Artikeln nun in Gang zu setzen. Dummerweise fällt das auf ihn selbst zurück.«

Ein willkommener Neujahrswunsch!


Hinweis: Siehe dazu auch den Artikel von Alan Posener: Mechanik einer Rufschädigung.




Krieg der Halbleiter


Ein auf FAZ.NET vom Mentor auf die Einhaltung der »Richtlinien für Lesermeinungen« geprüfter und dann unter dem Titel »Ein klassischer Bärendienst« veröffentlichter Leserbeitrag – zu Frank Schirrmachers Leitartikel im Feuilleton – verschwand nach einigen Stunden spurlos. Dass der Löschung eine zensorische Anweisung vorausging, kann ausgeschlossen werden, denn wir reden hier ja vom FAZ.NET, der Internet-Plattform der Zeitung für Deutschland.

Hier nochmals der verschwundene Beitrag:
  • Ein klassischer Bärendienst
  • Bereits der Titel ist eine absurd misslungene Metapher. ¦¦ Und eine »notwendige Klarstellung« ist im vorliegenden Fall ausschließlich die Aufgabe der Rechtsbeistände oder Pressesprecher der beiden vor Gericht streitenden Parteien. Dritten ist das verwehrt. ¦¦ In seiner Funktion als einer von 5 Herausgebern der F.A.Z. hätte Schirrmacher sich selbst in den Arm fallen müssen. ¦¦ Vorher hatte noch kein Journalist die eigenen, rein privat erworbenen Kenntnisse so ungeniert veröffentlicht und gleichzeitig die Chuzpe gehabt, sie als erfolgreiche Recherche auszugeben. ¦¦ Als Feuilletonist hätte er die schwebenden Gerichtsverfahren lieber gemieden, denn da zeigen sich bei ihm raue ›Missverständnisse‹. ¦¦ Die Veröffentlichung dieses Artikel kennt nur ein Ergebnis: er ist in der Sache bedeutungslos. Aber er hat allen beteiligten und genannten Personen – und vor allem dem Suhrkamp Verlag! – großen Schaden zugefügt. ¦¦ Angezeigt wäre jetzt eine »Klarstellung« in eigener Sache: Canossa wartet.

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Aber wie kam es zum Verschwinden dieser Sätze? Das um Aufklärung gebetene Institut für ’Pataphysik · Aix-la-Chapelle kommt zu dem Ergebnis, dass alle bekannten und extrapolierten Handlungsweisen des heutigen Menschen – Homo sapiens sapiens – ausgeschlossen werden können. Vielmehr handelt es sich um ein sehr seltenes Phänomen, das erstmals Ende des 20. Jahrhunderts in Zusammenarbeit mit CERN und dem MIT beobachtet werden konnte. Es handelt sich dabei um eine selektive Störung bei der Herstellung von Halbleiterspeichern. Diese bewirkt, dass es bei allen Betriebssystemen zu seltsamen Fehlsteuerungen kommt, deren Sinn allerdings vom Homo sapiens sapiens nicht verstanden werden kann. Einzig der – allerdings nur theoretisch existierende – Homo oeconomicus ist in der Lage, diesen Prozess umfänglich zu verstehen.

Das Institut verwies abschließend mahnend auf den Ökonomen Fritz Machlup (1902-1983), der vorgeschlagen hatte, den Homo oeconomicus für »Schwachverständige« besser als homunculus oeconomicus zu bezeichnen, »damit sie eher begreifen, dass er keinen aus einem Mutterleib geborenen Menschen darstellen sollte, sondern eine aus einer Gedankenretorte erzeugte abstrakte Marionette, mit bloß ein paar menschlichen Zügen ausgestattet, die für bestimmte Erklärungszwecke ausgewählt wurde«. Hingegen hat der französische Biophysiker Michel Inutile – kurz vor seinem tödlichen Unfall im Jahre 1986 – die Transformation de l’homme futur als bereits gängige virale Praxis bezeichnet: »La marionnette a coupé les fils.«

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Als zuständiger Herausgeber für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat der in Frankfurt am Main und Potsdam lebende Dr. phil. Frank Schirrmacher sich binnen einer Woche zweimal in Sachen Suhrkamp Verlag zu Wort gemeldet –:

  • 20.12.2012 arrow-orange-1 Dies ist kein Schundroman. Gegen die falsche und verkitschte Berichterstattung über den Streit zwischen den Gesellschaftern: Eine historische Klarstellung im Fall Suhrkamp.
  • 27.12.2012 arrow-orange-1 Ein literarischer Stern soll verglühen. Im Streit um die Stellung von Ulla Berkéwicz im Suhrkamp-Verlag gibt es Tatsachen. Und es gibt Gerüchte, die andere Geschichten insinuieren: Eine notwendige Klarstellung.
Er versteht sich somit als ein historisch agierender resp. notwendiger »Klarsteller«. Für ihn gibt es nur eine Wahrheit. Und so drängt sich unweigerlich Schillers Frage auf: »Wer blies dir das Wort ein? Höre, Kerl! das hast du nicht aus deiner Menschenseele hervorgeholt!«.

Durch die beiden Artikel hat sich Schirrmacher öffentlich – inmitten eines schwebenden privaten Rechtsstreit – zum laut posaunenden Parteigänger von Ulla Unseld-Berkéwicz erklärt, die er meist irrtümlich(?) Ulla Berkéwicz nennt, wohl wissend, dass sie unter diesem Namen nur noch als Autorin tätig ist; die Geschäftsführerin und Verlegerin des Suhrkamp Verlags heißt hingegen Ulla Unseld-Berkéwicz und ihr bürgerlicher Name lautet Ulla Unseld. Vielleicht sollte er zukünftig nicht von seinen Kollegen »ein Minimum an journalistischer Genauigkeit« einfordern, da er in seinen eigenen Artikeln auch ziemlich lax mit ihr umgeht.

Wohlgemerkt: Schirrmacher hat als Journalist nicht in seinem Artikel Partei ergriffen, sondern er ist in dieser Sache als schreibender Herausgeber ein glühender Parteigänger. Den beweiserheblichen Unterschied ignoriert er.

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Und wieso diese irrationalen ›Vernichtungsphantasien‹, ausgelöst durch einen real so nicht existierenden Erzfeind aller Suhrkamp-Autoren, der angeblich letzte Vermarkter der »Suhrkamp-Kultur«? Oder handelt es sich bei der Beschreibung der Figur Hans Barlach in Wahrheit nur um einen Pre Shot des Random House Bertelsmann Blessing-Autors Schirrmacher für sein im Februar erscheinendes Buch: »Ego. Das Spiel des Lebens«?.

»Dieses Buch erzählt davon, wie nach dem Ende des Kalten Kriegs ein neuer Kalter Krieg im Herzen unserer Gesellschaft eröffnet wird. Es ist die Geschichte einer Manipulation: Vor sechzig Jahren wurde von Militärs und Ökonomen das theoretische Model eines Menschen entwickelt. Ein egoistisches Wesen, das nur auf das Erreichen seiner Ziele, auf seinen Vorteil und das Austricksen der anderen bedacht war: ein moderner Homo oeconomicus. Nach seiner Karriere im Kalten Krieg wurde er nicht ausgemustert, sondern eroberte den Alltag des 21. Jahrhunderts. Aktienmärkte werden heute durch ihn gesteuert, Menschen ebenso. Er will in die Köpfe der Menschen eindringen, um Waren und Politik zu verkaufen. Das Modell ist zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden. Der Mensch ist als Träger seiner Entscheidungen abgelöst, das große Spiel des Lebens läuft ohne uns.
Frank Schirrmacher zeichnet in seinem bahnbrechenden neuen Buch die Spur eines monströsen Doppelgängers nach und macht klar, dass die Konsequenzen seines Spiels das Ende der Demokratie sein könnte, wie wir sie heute kennen.« (Quelle: Werbe- und Pressetext der Verlagsgruppe Random House Bertelsmann / Blessing Verlag)

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Ach! Ach was!

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Konzentrieren wir uns aber jetzt wieder auf seinen zweiten Artikel, der als Aufmacher des Feuilletons fast die ganze Seite beansprucht und keineswegs das ist, was er vorgibt zu sein: ritterlich. Sichtbar wird allerdings nur ein molièrescher Moralist, der auf eine höchst unmoralische und notabene lächerliche Art zu Werke geht.

Als Beispiel einer derart zutiefst lächerlichen Handlung verstehe ich seine – auf Richard Kämmerlings bezogene – Behauptung: »Der Journalist will, was man ihm angesichts der Bedeutung des Berliner Verlags nicht verdenken kann, sich mit der Deutung der Suhrkamp-Querelen einen Namen machen.« Dieser Journalist war von 2001-2010 als Literaturredakteur der FAZ sein Kollege – falls Schirrmacher einen Redakteur überhaupt als Kollegen begreift. In diesem Satz wird aus einer unmoralischen Intention eine veritable Denunziation. So etwas kann man durchaus auch als Versuch verstehen, sein subjektives Machtempfinden als Herausgeber der FAZ mit großer Verve einzusetzen, um den – in Wirklichkeit guten – Ruf eines ehemaligen Kollegen nachhaltig zu beschädigen.

Das ist verwerflich, billig und dumm. Zudem verkennt Schirrmacher die banale Realität. Heutzutage können sich Herausgeber nur noch innerhalb des Zeitungsverlags, dessen Angestellte sie sind, derart junkerhaft gerieren. In der realen Medienwelt ist das längst – wenn überhaupt – von marginaler Bedeutung. Sie verfügen in ihren Positionen über eine kaum noch messbare Meinungshoheit. Anstatt gegen diesen Verlust à la Schirrmacher zu wüten, können sie dem zugrundeliegenden Paradigmenwechsel nur kreativ begegnen, wenn möglich.

Schirrmacher bleibt der recherchierende Literaturjunker: »Es war natürlich nur eine Frage der Zeit, bis Kämmerlings auch auf Joachim Unseld stoßen würde.« Es muss für Kämmerlings ein historischer Augenblick gewesen sein, durch einen Whistleblower – vermutlich war’s Martin Walser – in Erfahrung zu bringen, dass Siegfried einen Sohn namens Joachim hat! Das hätte er doch auch vom guten Frank erfahren können!

Aber erst jetzt kommt Dr. Schirrmachers Todesstoß: »Da es aber in allem stets noch eine Stufe tiefer geht, bricht der „Welt“-Redakteur einen stillschweigenden Konsens des Journalismus jenseits der Regenbogenpresse, der, bis heute jedenfalls, mit guten Gründen darauf achtet, in Familienkriegen den Beteiligten nicht den Status von Zeugen zu geben.«

Und jetzt wird uns auf einen Schlag klar, dass Schirrmacher (Ego) überhaupt nicht Schirrmacher (Alter Ego) ist, denn der wahre Schirrmacher hätte ja nie gegen diesen »stillschweigenden Konsens« verstoßen. Wir werden wohl niemals erfahren, wer am 20.12.2012 in der FAZ unter dem Namen Frank Schirrmacher wirklich folgende Zeilen schrieb:

»Wir [Unseld & Schirrmacher] trafen uns oft, mit dabei war auch Graf von der Goltz, der einst BMW gerettet hatte, und Hans-Wolfgang Pfeifer, langjähriger Geschäftsführer der F.A.Z.. Unseld wurde damals vorgeworfen, jeden seiner potentiellen Nachfolger aus dem Verlag gedrängt zu haben - auch das war eine unfaire Reduktion eines vielschichtigen Prozesses auf ein paar psychische Befindlichkeiten. Vor allem aber entspricht nicht den Tatsachen, dass Ulla Berkéwicz sich in den Verlag hineingedrängt hätte. Tatsächlich - jeder, der es aus der Nähe erlebte, wird es bezeugen können - hatte Siegfried Unseld seine Frau geradezu bedrängt, die Verantwortung für den Verlag zu übernehmen. Eines Tages bat er mich (und gewiss auch andere), auf sie einzuwirken. Sie sah voraus, dass ihre Karriere als Schriftstellerin unweigerlich Schaden nehmen würde, und sie sah voraus, dass der Betrieb sie als Usurpatorin attackieren würde. Es war ein langer Prozess, bis sie sich dazu überreden ließ. Alle Anspielungen auf die Illegitimität ihres Anspruchs haben mit dem, was wirklich geschah, nichts zu tun.«

Joachim Unseld darf als Sohn niemals Zeuge sein, weil ja der vollkommen unparteiische und extrem geheimräterische Dr. Frank Schirrmacher ständiger Zeuge und Sprecher aller weiteren Zeugen war und ist … … …

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Genug ist genug. Allzu viel wäre noch zu korrigieren. Wie Schirrmacher z.B. die Gefahr bannen will, »dass ein auf Klicks und Remmidemmi zielender Journalismus die Verlegerin zur Lady Macbeth von Nikolassee macht.« Wie kommt er denn ausgerechnet auf Lady Macbeth? Eindeutig das völlig falsche Stück und die falsche Figur. Aber es liest sich natürlich so blendend schön dramatisch … Shakespeare hätte wohl eher zu Hamlet geraten, aber der wird ja als Zeuge von der Kommission nicht zugelassen.

Spätestens im Februar wird das LG Frankfurt am Main über Suhrkamps Zukunft entscheiden. Und im gleichen Monat erfährt die Menschheit – also die, die sich als lebende Gemeinschaft des Homo sapiens sapiens versteht – von Dr. Frank Schirrmacher, wer sie in Wirklichkeit (noch oder schon) ist. Aber vor allem können wir vielleicht begreifen, wer oder wer oder was eigentlich Dr. Schirrmacher ist, der einst – scho a bisserl heikel – über Kafkas Prozeß magistrierte ≈ promovierte.



Canossa wartet


Heute veröffentlichte FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher unter dem Titel »Suhrkamp-Verlag – Ein literarischer Stern soll verglühen. Im Streit um die Stellung von Ulla Berkéwicz im Suhrkamp-Verlag gibt es Tatsachen. Und es gibt Gerüchte, die andere Geschichten insinuieren: Eine notwendige Klarstellung« binnen einer Woche seinen zweiten Artikel zur Causa Suhrkamp.

Dazu wurde von mir auf FAZ.NET folgender Leserbeitrag veröffentlicht:
  • Ein klassischer Bärendienst
  • Bereits der Titel ist eine absurd misslungene Metapher. Und eine »notwendige Klarstellung« ist im vorliegenden Fall ausschließlich die Aufgabe der Rechtsbeistände oder Pressesprecher der beiden vor Gericht streitenden Parteien. Dritten ist das schlichtweg verwehrt. In seiner Funktion als einer von 5 Herausgebern der F.A.Z. hätte Schirrmacher sich selbst in den Arm fallen müssen. Vorher hatte noch kein Journalist die eigenen, rein privat erworbenen Kenntnisse so ungeniert veröffentlicht und gleichzeitig die Chuzpe gehabt, sie als erfolgreiche Recherche auszugeben. Als Feuilletonist hätte er die schwebenden Gerichtsverfahren lieber gemieden, denn da zeigen sich bei ihm raue ›Missverständnisse‹. Die Veröffentlichung dieses Artikel kennt nur ein Ergebnis: er ist in der Sache bedeutungslos. Aber er hat allen beteiligten und genannten Personen – und vor allem dem Suhrkamp Verlag! – großen Schaden zugefügt. Angezeigt wäre jetzt eine »Klarstellung« in eigener Sache: Canossa wartet.

Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit diesem Artikel folgt …



Der Buchhändler :: Hans Brockmann zum 70. Geburtstag


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Hans Brockmann, 1993

In den elysischen Gefilden Westberlins gibt es nur eine Buchhandlung: die Heinrich Heine Buchhandlung im S-Bahnhof Zoo. Eher eine Bücherwunderhöhle. Muss man darauf hinweisen, dass deren Kunden – von Jacob Taubes bis Heiner Müller, von Uwe Johnson bis Christa Wolf und von Susan Sontag bis Gilles Deleuze – dort weiterhin ihr »Konto« haben? Inhaber der Höhle und ewiger Verwalter der Konten ist Hans Brockmann, der uns allerdings schon am 11. Juli 1994 zu schriftgläubigen Hinterbliebenen machte.

Nur kurze Zeit begegneten sich die so Verlassenen noch in der entzauberten Buchhandlung, dann verschwand auch sie, genau am 16. Dezember 1994. Ohne Hans hatte sie keine Chance mehr, denn er war die Buchhandlung. Eine Identitäts- und keine Besitzerfrage.

Etwa 1992 hatte irgendjemand von der Deutschen Bundesbahn im Einheitsrausch die Idee, der Heinrich Heine Buchhandlung durch eine explosive Mieterhöhung den Garaus zu machen, da Hans Brockmann sich naturgemäß geweigert hatte, aus seiner Kulthöhle ein zeitgeistiges Pissoir in Gestalt einer »dem Bahnhof angemessenen Buchpräsentation« machen zu lassen. Der Bahnvertreter, der mit der Schreibweise »Heinrich-Heine-Buchhandlung« eine Todsünde beging, hatte die Rechnung allerdings ohne einen Konto-Inhaber gemacht.

Denn der wußte, dass Heinz Dürr, der Präsident der Bahn, mit Joachim Unseld vom Suhrkamp Verlag eng befreundet war. Also gab’s ein Telefonat mit Unseld, der wiederum beim nächsten Treffen mit Dürr die Sache besprach. Drei Wochen nach der Drohung war die Sache vom Tisch. Die Buchhandlung blieb unversehrt.

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Aber dann kam doch für uns die Zeit der Suche nach einer neuen Handlung. Die alte Autoren-Buchhandlung in der Carmerstraße oder Knesebeck 11 waren für einige die ersten Zufluchtsstätten. Heutzutage kann man sich über neue kleine Buchhandlungen freuen – in Charlottenburg zum Beispiel über die Buchhandlung Winter …

Egal wo auch immer wir Überlebenden unsere neuen Bücher in die Hand nehmen, da hören wir diesen dumpfen Donner der Transitzüge über unseren Köpfen und ahnen den Geruch dieses einmaligen Bibliotops.

Hans Brockmann wäre am heutigen Tag 70 Jahre alt geworden. Unvorstellbar und wünschenswert zugleich.



Ein Dualist, ein Vorschlag und ein Überzeugungstäter


Durs Grünbein hat sich gestern auf FAZ.NET zu Wort gemeldet: »Als wäre es die Lösung, all das preiszugeben«. Dazu äußerte ich heute unter der Überschrift »Ohne alle Bravour« als Leser meine Meinung.

      Als Lektor würde ich diesem Artikel von Grünbein mit Empathie begegnen und dem Autor deshalb raten, ihn keinesfalls zu veröffentlichen. Von einem Autor seines Ranges verlange ich deutlich mehr intellektuelle Schärfe. Und keinen derart pathetischen Dualismus.
      Seine Behauptung, dass es sich hier um den Kampf zwischen Geist und Kapital handelt, belegt er nur mit aufgemotzten Ressentiments. War es etwa nicht ein kapitalistisches Konzept, die Autoren, die bei Suhrkamp/Unseld ihre Bücher veröffentlichen durften, sofort mit dem Label Suhrkamp-Autor zu versehen? Aus dem Autor wurde schlichtweg eine Kapitalanlage. Die Renditenkonzepte wurden der Marktfähig des jeweiligen Autors angepasst. Unseld dachte in vielen Fällen da etwas längerfristig, was aber wohl eher seinem legendären Ego geschuldet war.
      Grünbein verurteilt Barlach, weil der Erbe ist. Ihn gegen seinen Erblasser auszuspielen, das ist alles andere als geistvoll.
      Ein Suhrkamp-Autoren-Artikel ohne intellektuelle Bravour. Schade drum.

Eine zweite Meinung, die veröffentlich wurde, schrieb ich um 03:15 Uhr unter dem Titel »Ein Vorschlag«:
      Die Angestellten und Autoren von Suhrkamp wollen die Auflösung des Verlags verhindern. Es gibt zu diesem Zeitpunkt m.E. durchaus eine Möglichkeit, dies zu erreichen.
      Die Mehrheits- und Minderheitsgesellschafter einigen sich auf folgenden Fünf-Punkte-Plan:
01  Hans Barlach zieht die beim LG Frankfurt eingereichte Klage auf Auflösung zurück.
02  Der Suhrkamp Verlag verzichtet auf Rechtsmittel gegen das Urteil des LG Berlin.
03  Die Vorsitzende der Geschäftsführung Ulla Unseld-Berkéwicz und die beiden Geschäftsführer Landgrebe und Sparr treten zurück.
04  Die beiden Gesellschafter bestimmen gemeinsam die unparteiische Berliner Verlegerin Katharina Wagenbach-Wolff zur Vorsitzenden der Geschäftsführung. Diese bestimmt unabhängig jeweils einen buchverlagserfahrenen Vertreter der beiden Gesellschafter zum Geschäftsführer.
05  Diese Geschäftsführung erarbeitet bis Ende 2013 einen Plan, wie der Verlag im Interesse beider Gesellschafter mit einer neuen Geschäftsführung fortgeführt werden kann.

Selbstverständlich ist das ein utopischer Vorschlag, denn ihm liegt eine Form der Einsichtsfähigkeit in die Sache zugrunde.

Frank Schirrmacher gibt heute in der FAZ und auf FAZ.NET wieder einmal mehr – unter der Überschrift »Dies ist kein Schundroman« – den hochstehenden Pennäler. Nun wissen wir endlich, wie & warum Ulla Unseld-Berkéwicz nach Siegfried Unselds Tod wirklich zur Verlegerin wurde:

» … Vor allem aber entspricht nicht den Tatsachen, dass Ulla Berkéwicz sich in den Verlag hineingedrängt hätte. Tatsächlich — jeder, der es aus der Nähe erlebte, wird es bezeugen können — hatte Siegfried Unseld seine Frau geradezu bedrängt, die Verantwortung für den Verlag zu übernehmen.
Eines Tages bat er mich (und gewiss auch andere), auf sie einzuwirken. Sie sah voraus, dass ihre Karriere als Schriftstellerin unweigerlich Schaden nehmen würde, und sie sah voraus, dass der Betrieb sie als Usurpatorin attackieren würde. Es war ein langer Prozess, bis sie sich dazu überreden ließ. Alle Anspielungen auf die Illegitimität ihres Anspruchs haben mit dem, was wirklich geschah, nicht zu tun.«

Man kann davon ausgehen, das der Feuilletonist & Herausgeber Schirrmacher zu keinem Zeitpunkt bemerkt hat, dass sein Stil (Aufbau, falsches Pathos, mangelnde Textlogik) dem der klassischen Trivial- resp. Schundliteratur entspricht. Alles egal. Hauptsache seine Flaschenpost erreichte das Ufer der Öffentlichkeit: Was Unseld nicht schaffte, das habe ich geschafft.

Hätte er sich doch nur einen legendären Satz zu Herzen genommen: »Überzeugen ist unfruchtbar«. Er findet sich in der Einbahnstraße von Walter Benjamin. Das Buch erschien 1928 im Ernst Rowohlt Verlag Berlin. Ein Faksimile dieser Ausgabe erschien übrigens 1982 im Verlag Brinkmann & Bose Berlin, »mit freundlicher Zustimmung des Suhrkamp Verlags«.

Es ist wirklich nicht mehr komisch, was für scheingebildete Egomanen über so viel Macht in unserer Gesellschaft verfügen.



Nur ein medialer Tagesfliegenschiß


Wenige Stunden nach dem gestrigen letzten Satz war die »Mission Naumann« auch schon erledigt – diesmal reichte ein Referendar aus der »Heerschar«.

Heute liegen Frau Kegel von der FAZ die Berliner Urteilsbegründungen vor und sie kennt sogar die Aktenzeichen, die sie uns auch gleich sinnloserweise mitteilt. Sie ist erstaunt – so wie RA Peter Raue nach der Urteilsverkündung – wie klar und einfach die Vergehen der Beklagten dokumentiert werden. Für die nächste Instanz müssen sich Ursula Unseld-Berkéwicz und Raue schon eine neue Rechtswirklichkeit erfinden. In der existierenden werden sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 99% einen weiteren Schiffbruch mit Zuschauer erleben.

Aber das wird dann ohnehin niemanden mehr interessieren, da das LG Frankfurt den Verlag längst aufgelöst haben wird … Und dann haben sie so viel Zeit, endlich die bei Suhrkamp verlegten Bücher auch zu lesen.



Wahn! Wahn! Überall Wahn!


Am späten Nachmittag lancierte Sandra Kegel, FAZ-Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben, unter der Überschrift »Mediator. Naumann vermittelt im Suhrkamp-Konflikt« eine formidable Falschmeldung auf FAZ.NET.

Bei der Lektüre stellt sich sehr schnell heraus, dass seitens der Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung, also von Ulla Unseld-Berkéwicz und ihrem Vorstandskollegen und Rechtsanwalt Peter Raue, lediglich ein Gesprächsangebot vorgelegt wurde, »um die bestehenden Konflikte der Gesellschafter des Suhrkamp Verlages zu lösen.« Frau Kegel schreibt weiter: »Die Stiftung bestellte den ehemaligen Kulturstaatsminister Michael Naumann zum Mediator.«

Spätestens beim Schreiben dieses Satzes hätte Frau Kegel bemerken müssen, dass etwas faul ist im Suhrkamp-Staat. Ein Mediator kann niemals von einem Gesellschafter bestellt werden. Beide Gesellschafter müssen sich auf einen Mediator verständigen – siehe dazu die wunderbare FAZ-Glosse »Suhrkamp 21« von Jan Wiele. Jedenfalls sehen Anstand, Vernunft und Gesetz das vor.

Und selbstverständlich lässt Naumann auf Anfrage gleich noch ein paar Spruchblasen in Sachen Suhrkamp aufsteigen. Dann schreibt Frau Kegel auch schon ihren letzten Satz: »Bislang hat Hans Barlach auf das Gesprächsangebot nicht reagiert.«

Form und Inhalt dieser Meldung resp. dieses kurzen Artikels kann man, nein: muss man als strohdummen Versuch einer (weiteren) öffentlichen Demütigung des Suhrkamp-Gesellschafters Hans Barlach werten; und es ist eine derart dummdreiste Provokation, die den Verdacht nahe legt, dass Richter Gieritz vom LG Frankfurt nur noch eine gesetzliche Möglichkeit haben wird: er wird den Verlag auflösen.

Ulla Unseld-Berkéwicz und Peter Raue bieten an und bestellen. Das zeugt einmal mehr von dramatischem Realitätsverlust und erschreckender Bildungsferne angeblicher »Geistesmenschen«. Übrig geblieben sind realiter Megalomanie und eine besonders widerliche Form von Arroganz statt »Verlagskultur«.

Und ausgerechnet Michael Naumann!
Hatte der nicht als Chefredakteur des Monatsmagazins Cicero gerade erst – am 12.12.2012 – den Artikel »Keine Absurditäten mehr ausgeschlossen« zur Causa Suhrkamp geschrieben? Und was schrieb der angebliche Mediator von Suhrkamps Gnaden, der Barlach grundsätzlich als »Möchtegern-Verleger« schmäht?

»Hans Barlach, in einem Wort, will Kohle machen. Er hält sich auch für einen besseren Verleger, nicht ahnend, dass zwischen satten Deckungsbeiträgen kraft Masseware und literarischer Qualität ein himmelhochweiter
[sic!] Unterschied existiert. Mehr noch, er nennt bekannte Verlegernamen, die er als Nachfolger von Ulla Unseld-Berkéwicz sieht. Keinen einzigen von ihnen hat er gefragt. Sie sind empört. Und kein einziger wäre so dumm, seinem Ruf zu folgen. Der Mann ist beleidigt, gekränkt, verärgert und einfach wütend – ein Racheengel mit einer Heerschar von Anwälten im Rücken.«

In einem heute um 19:07 Uhr vom Deutschlandradio Kultur ausgestrahlten Interview mit Naumann hat dieser wirklich die Chuzpe zu behaupten, »dass es jetzt darauf ankommt, dass Herr Barlach bereit ist, überhaupt ein Gespräch mit mir zu führen«. Und dann schwafelt er noch vom entscheidenden »walk of the wood« bei den seinerzeitigen Genfer Abrüstungsgesprächen. Ein bestellter Graus.

Man kann sich dieses trio infernale lebhaft vorstellen, wie sie sich gegenseitig diese zynische Dämlichkeit als Geisteswitz vorgegaukelt haben, denn Naumann ist doch auch seit 2010 Mitglied im »Board of Trustess« des milliardenschweren Medienunternehmens Thomson Reuters Corporation.

Es wird einfach immer ekelhafter. Und man muss erkennen: Suhrkamp ist vollkommen am Ende. So oder so. Aber für die Trauerfeier gibt es ja bekanntlich bereits die passende »Begegnungsstätte« in der Villenkolonie Nikolassee mit ausreichend Veuve Cliquot Ponsardin und Streichquartett. Und danach müssen sich die verlegten Autoren wieder finden und bei ordinären Verlagen veröffentlichen. Nur Peter Handke wird für immer im Wald verschwinden.



Erbschaft (in) dieser Zeit


Leitet man in seinem achten Lebensjahrzent ein eigenes mittelständiges Unternehmen, so denkt man in der Regel rechtzeitig über seinen eigenen Tod hinaus. Im Falle von Siegfried Unseld und seinem Suhrkamp Verlag – also der Suhrkamp Verlag GmbH und Co. KG – ist das Ergebnis offenkundig vollkommen misslungen. Seit über einem Jahrzehnt – Unseld starb nach längerer Krankheit am 26.Oktober 2002 – wird über den Suhrkamp Verlag (fast) nur noch als Erbschaftsangelegenheit und den daraus resultierenden Unternehmensentscheidungen und -querelen berichtet.

Im Moment scheint niemand genau zu wissen, wer den Verlag eigentlich rechtswirksam leitet oder leiten darf. Und erst am 13.02.2013 wird das Landgericht Frankfurt entscheiden, ob der Suhrkamp Verlag in Zukunft überhaupt noch existieren wird. Kurzum: nix genaues weiß man – siehe dazu den gestrigen FAZ-Artikel »Die Logik der Entscheidung«.

Peter Suhrkamp gründete 1948 seinen Verlag, 1952 trat Siegfried Unseld in den Verlag ein, wurde 1957 persönlich haftender Gesellschafter und nach Suhrkamps Tod 1959 dessen Nachfolger. Der Name Suhrkamp blieb selbstverständlich als Programm und Qualitätsgarantie erhalten …

Unseld erkannte früh, dass sich der Verlag nach innen immer wieder verändern musste, aber in der Aussendarstellung als Markenzeichen absolute Konstanz verlangte. Die Ästhetik der klassischen Moderne – hier sei besonders an die unschätzbaren Leistungen des Kommunikationsdesigners Willy Fleckhaus erinnert – wurde ein integraler Bestandteil der Verlagskultur. Fleckhaus lieferte die Entwürfe für die Buchreihen des Suhrkamp Verlags Bibliothek Suhrkamp (1959), Edition Suhrkamp (1962) und Suhrkamp Taschenbuch sowie für die Taschenbücher des Insel Verlags – it.

Aber nach dem Tod Unselds vollzog seine Witwe – Ulla Unseld-Berkéwicz – einen Paradigmenwechsel nach dem anderen –: 2004 änderte sie das Titeldesign und die Typografie der Edition Suhrkamp und des Suhrkamp Taschenbuchs. Das Ergebnis ist eine ästhetische Vernichtung. Ab 2008 lassen edition suhrkamp und suhrkamp taschenbuch wissenschaft auftragsbezogen von der Fa. Books on Demand drucken und ausliefern, wenn Nachdrucke sich voraussichtlich nicht lohnen. Fast gleichzeitig entstanden die edition unseld, die unseld lectures und die filmedition suhrkamp. 2009 wurden alle Suhrkamp-Archive an das Deutsche Literaturarchiv Marbach verkauft. 2010 wurde das gesamte verbliebene Frankfurter Bucharchiv des Verlags an den Versandhändler Zweitausendeins veräußert, der die Bücher in seinen Läden verramschte …

Nicht zu vergessen ist der unfriedliche Weggang wesentlicher Mitarbeiter und Autoren: Günter Berg, Mechthild Strausfeld, Martin Walser, Adolf Muschg, Imre Kertész, Katharina Hacker etc.

Seit Anfang 2010 hat die Suhrkamp Verlag GmbH und Co. KG ihren Hauptsitz endgültig von Frankfurt nach Berlin-Prenzlauer Berg verlegt. Das Suhrkamp-Haus in Frankfurt wurde 2011 abgerissen. Heute existiert noch ein Verlag mit Namen Suhrkamp, aber die einst von George Steiner definierte »Suhrkamp-Kultur« ist schon längst der Welt abhanden gekommen.

Stattdessen wird mit der dezenten Behauptung »Siegfried Unseld ist unbestritten der größte Verleger des 20. Jahrhunderts« ein hauseigener Unseld-Kult etabliert: Seine Briefwechsel mit Thomas Bernhard, Peter Handke, Uwe Johnson, Wolfgang Koeppen und Peter Weiss werden sicherlich um zahlreiche Korrespondenzen erweitert werden; von seinen 1970 begonnenen »Chroniken« werden vermutlich noch unzählige Bände erscheinen etc. …

All dies verweist verlegerisch mehr auf eine Geisterbeschwörung als auf kreative Entwicklungen. Gralshüter sind letztlich immer nur humorlose Totengräber.



Mit der linken Hand …


Jürgen Kaube beweist in seinem gestrigen FAZ-Kommentar »Wer Suhrkamp schadet« einmal mehr, dass man sich vom »Tageselend des Kulturbetriebs« fernhalten sollte, will man seinen kritischen Blick behalten. Hier wird die inszenierte Hysterie rund um Suhrkamp demaskiert und mit Stil auf den Punkt gebracht. Banale (aber schwerwiegende) Fehler werden als solche benannt und die entscheidenden Schläge gegen das ewig antichambrierende Umfeld in seiner Unfähigkeit mit der linken Hand geführt. Der Dank gilt also einem wahren Feuilletonisten!