Christa Wolf



Der Buchhändler :: Hans Brockmann zum 70. Geburtstag


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Hans Brockmann, 1993

In den elysischen Gefilden Westberlins gibt es nur eine Buchhandlung: die Heinrich Heine Buchhandlung im S-Bahnhof Zoo. Eher eine Bücherwunderhöhle. Muss man darauf hinweisen, dass deren Kunden – von Jacob Taubes bis Heiner Müller, von Uwe Johnson bis Christa Wolf und von Susan Sontag bis Gilles Deleuze – dort weiterhin ihr »Konto« haben? Inhaber der Höhle und ewiger Verwalter der Konten ist Hans Brockmann, der uns allerdings schon am 11. Juli 1994 zu schriftgläubigen Hinterbliebenen machte.

Nur kurze Zeit begegneten sich die so Verlassenen noch in der entzauberten Buchhandlung, dann verschwand auch sie, genau am 16. Dezember 1994. Ohne Hans hatte sie keine Chance mehr, denn er war die Buchhandlung. Eine Identitäts- und keine Besitzerfrage.

Etwa 1992 hatte irgendjemand von der Deutschen Bundesbahn im Einheitsrausch die Idee, der Heinrich Heine Buchhandlung durch eine explosive Mieterhöhung den Garaus zu machen, da Hans Brockmann sich naturgemäß geweigert hatte, aus seiner Kulthöhle ein zeitgeistiges Pissoir in Gestalt einer »dem Bahnhof angemessenen Buchpräsentation« machen zu lassen. Der Bahnvertreter, der mit der Schreibweise »Heinrich-Heine-Buchhandlung« eine Todsünde beging, hatte die Rechnung allerdings ohne einen Konto-Inhaber gemacht.

Denn der wußte, dass Heinz Dürr, der Präsident der Bahn, mit Joachim Unseld vom Suhrkamp Verlag eng befreundet war. Also gab’s ein Telefonat mit Unseld, der wiederum beim nächsten Treffen mit Dürr die Sache besprach. Drei Wochen nach der Drohung war die Sache vom Tisch. Die Buchhandlung blieb unversehrt.

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Aber dann kam doch für uns die Zeit der Suche nach einer neuen Handlung. Die alte Autoren-Buchhandlung in der Carmerstraße oder Knesebeck 11 waren für einige die ersten Zufluchtsstätten. Heutzutage kann man sich über neue kleine Buchhandlungen freuen – in Charlottenburg zum Beispiel über die Buchhandlung Winter …

Egal wo auch immer wir Überlebenden unsere neuen Bücher in die Hand nehmen, da hören wir diesen dumpfen Donner der Transitzüge über unseren Köpfen und ahnen den Geruch dieses einmaligen Bibliotops.

Hans Brockmann wäre am heutigen Tag 70 Jahre alt geworden. Unvorstellbar und wünschenswert zugleich.