Durs Grünbein



Ein Dualist, ein Vorschlag und ein Überzeugungstäter


Durs Grünbein hat sich gestern auf FAZ.NET zu Wort gemeldet: »Als wäre es die Lösung, all das preiszugeben«. Dazu äußerte ich heute unter der Überschrift »Ohne alle Bravour« als Leser meine Meinung.

      Als Lektor würde ich diesem Artikel von Grünbein mit Empathie begegnen und dem Autor deshalb raten, ihn keinesfalls zu veröffentlichen. Von einem Autor seines Ranges verlange ich deutlich mehr intellektuelle Schärfe. Und keinen derart pathetischen Dualismus.
      Seine Behauptung, dass es sich hier um den Kampf zwischen Geist und Kapital handelt, belegt er nur mit aufgemotzten Ressentiments. War es etwa nicht ein kapitalistisches Konzept, die Autoren, die bei Suhrkamp/Unseld ihre Bücher veröffentlichen durften, sofort mit dem Label Suhrkamp-Autor zu versehen? Aus dem Autor wurde schlichtweg eine Kapitalanlage. Die Renditenkonzepte wurden der Marktfähig des jeweiligen Autors angepasst. Unseld dachte in vielen Fällen da etwas längerfristig, was aber wohl eher seinem legendären Ego geschuldet war.
      Grünbein verurteilt Barlach, weil der Erbe ist. Ihn gegen seinen Erblasser auszuspielen, das ist alles andere als geistvoll.
      Ein Suhrkamp-Autoren-Artikel ohne intellektuelle Bravour. Schade drum.

Eine zweite Meinung, die veröffentlich wurde, schrieb ich um 03:15 Uhr unter dem Titel »Ein Vorschlag«:
      Die Angestellten und Autoren von Suhrkamp wollen die Auflösung des Verlags verhindern. Es gibt zu diesem Zeitpunkt m.E. durchaus eine Möglichkeit, dies zu erreichen.
      Die Mehrheits- und Minderheitsgesellschafter einigen sich auf folgenden Fünf-Punkte-Plan:
01  Hans Barlach zieht die beim LG Frankfurt eingereichte Klage auf Auflösung zurück.
02  Der Suhrkamp Verlag verzichtet auf Rechtsmittel gegen das Urteil des LG Berlin.
03  Die Vorsitzende der Geschäftsführung Ulla Unseld-Berkéwicz und die beiden Geschäftsführer Landgrebe und Sparr treten zurück.
04  Die beiden Gesellschafter bestimmen gemeinsam die unparteiische Berliner Verlegerin Katharina Wagenbach-Wolff zur Vorsitzenden der Geschäftsführung. Diese bestimmt unabhängig jeweils einen buchverlagserfahrenen Vertreter der beiden Gesellschafter zum Geschäftsführer.
05  Diese Geschäftsführung erarbeitet bis Ende 2013 einen Plan, wie der Verlag im Interesse beider Gesellschafter mit einer neuen Geschäftsführung fortgeführt werden kann.

Selbstverständlich ist das ein utopischer Vorschlag, denn ihm liegt eine Form der Einsichtsfähigkeit in die Sache zugrunde.

Frank Schirrmacher gibt heute in der FAZ und auf FAZ.NET wieder einmal mehr – unter der Überschrift »Dies ist kein Schundroman« – den hochstehenden Pennäler. Nun wissen wir endlich, wie & warum Ulla Unseld-Berkéwicz nach Siegfried Unselds Tod wirklich zur Verlegerin wurde:

» … Vor allem aber entspricht nicht den Tatsachen, dass Ulla Berkéwicz sich in den Verlag hineingedrängt hätte. Tatsächlich — jeder, der es aus der Nähe erlebte, wird es bezeugen können — hatte Siegfried Unseld seine Frau geradezu bedrängt, die Verantwortung für den Verlag zu übernehmen.
Eines Tages bat er mich (und gewiss auch andere), auf sie einzuwirken. Sie sah voraus, dass ihre Karriere als Schriftstellerin unweigerlich Schaden nehmen würde, und sie sah voraus, dass der Betrieb sie als Usurpatorin attackieren würde. Es war ein langer Prozess, bis sie sich dazu überreden ließ. Alle Anspielungen auf die Illegitimität ihres Anspruchs haben mit dem, was wirklich geschah, nicht zu tun.«

Man kann davon ausgehen, das der Feuilletonist & Herausgeber Schirrmacher zu keinem Zeitpunkt bemerkt hat, dass sein Stil (Aufbau, falsches Pathos, mangelnde Textlogik) dem der klassischen Trivial- resp. Schundliteratur entspricht. Alles egal. Hauptsache seine Flaschenpost erreichte das Ufer der Öffentlichkeit: Was Unseld nicht schaffte, das habe ich geschafft.

Hätte er sich doch nur einen legendären Satz zu Herzen genommen: »Überzeugen ist unfruchtbar«. Er findet sich in der Einbahnstraße von Walter Benjamin. Das Buch erschien 1928 im Ernst Rowohlt Verlag Berlin. Ein Faksimile dieser Ausgabe erschien übrigens 1982 im Verlag Brinkmann & Bose Berlin, »mit freundlicher Zustimmung des Suhrkamp Verlags«.

Es ist wirklich nicht mehr komisch, was für scheingebildete Egomanen über so viel Macht in unserer Gesellschaft verfügen.