Frank Schirrmacher



Von wem ist die Rede, wenn von Suhrkamp die Rede geht?


Der Suhrkamp Verlag wurde am 20. März vom Landgericht Frankfurt dazu verurteilt, Hans Barlachs Medienholding Winterthur einen Betrag aus dem nichtoperativen Gewinn des Bilanzjahres 2010 in Höhe von 2.184.000 € – plus Zinsen in Höhe von ca. 60.000 € – zu zahlen. Das Gericht stellte in der mündlichen Urteilsbegründung fest: »Es ist in Erinnerung zu rufen, dass die Klägerin [Barlachs Medienholding Winterthur] und die Streithelferin [die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung] in der Gesellschaftsvereinbarung klipp und klar gemeinsam festgehalten haben: ›Ziel der Klägerin ist, von den Suhrkamp-Kommanditgesellschaften möglichst hohe Ausschüttungen zu erhalten‹.« Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Vertreten wurde Suhrkamp durch die Hamburger Kanzlei Witthohn Aschmann Schellack, die die Welt auf Ihrer Website wissen lässt: »Wir entwickeln für unsere Mandanten ganzheitliche Lösungen in den Bereichen Recht, Steuern und Bilanzierung. Für die Durchsetzung der Mandanteninteressen nutzen wir unsere langjährige Erfahrung. Wir sind Spezialisten, fachübergreifend, unternehmerisch, zielorientiert und nachhaltig.« Die aus diesem Rechtsstreit bisher entstandenen Anwalts- und Gerichtskosten dürften für Suhrkamp ca. 70.000 € betragen.

Suhrkamps Pressesprecherin Tanja Postpischil erklärte: »Da uns die [schriftliche] Urteilsbegründung bislang noch nicht vorliegt, gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellungnahme unsererseits.«

Das ist in Umrissen der schlichte Sachverhalt.

Doch es gibt ja noch so etwas wie den ›wahren Anwalt & Sprecher‹ von Suhrkamp resp. Ulla Unseld-Berkéwicz: Dr. phil. Frank Schirrmacher, Journalist, Sachbuchautor und seit 1994 Herausgeber des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seit 1999 wahrhaftig – verliehen durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog – Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse. Er wird zu den bestvernetzten und einflussreichsten Zeitungsmachern Deutschlands gezählt. Selbst skandalöse Auftritte — wie z.B. die widerwärtig devote Laudatio auf den Scientologen und Schauspieler Tom Cruise bei der »Bambi«-Verleihung 2007 – bleiben für Schirrmacher letztlich ohne Folgen.

Im vorliegenden Fall entschied sich Schirrmacher offensichtlich, zunächst Sandra Kegel über die Niederlage Suhrkamps auf FAZ.NET unter dem Titel »Es geht um die Existenz« berichten zu lassen. Der Artikel endet mit folgenden Sätzen: »Barlach auf Konfrontationskurs. Für eine Stellungnahme waren bislang weder der Verlag noch Hans Barlach zu erreichen. Dass eine Gewinnentnahme, wie sie Barlach in Frankfurt jetzt erstritten hat, in dieser Größe an die Existenz des Verlages geht, steht außer Frage: Der Verlag hatte, wie auch der Anwalt Witthohn bestätigt, bisher geltend gemacht, diese Summe gar nicht aufbringen zu können. Das Frankfurter Landgericht hingegen befand, der Verlag hätte dafür ›notfalls‹ ein Darlehen aufnehmen müssen. / Wie sehr Barlach auf Konfrontationskurs geht, ist daraus ersichtlich, dass er eine Stunde nach Urteilsverkündung über seinen Anwalt per E-Mail ausrichten ließ, alle bisher laufenden Mediationsgespräche abzubrechen
Hat Frau Kegel das Urteil nicht verstanden oder will sie es nicht verstehen. Die »Gewinnentnahme« steht Barlach aus dem nichtoperativen Gewinn zu: Verkauf des Suhrkamp-Archivs, des Frankfurter Verlagshauses etc. Der Unterschied zwischen operativem und nichtoperativem Gewinn wird in dem Artikel vorsätzlich oder grob fahrlässig unterschlagen. Journalismus auf BILD-Niveau.

Während dieser Artikel online ist, beantwortet Schirrmacher dem Fernsehsender 3sat vor der Kamera die Frage, was dieses Urteil für Suhrkamp bedeute. »Für den Verlag bedeutet es eine Fortführung eines Kalten Krieges mit seinem wichtigsten Gesellschafter oder Gemein… [unverständlich]. Die entscheidende Frage aber, auch die journalistische Frage ist: was will Hans Barlach? Barlach hat vor Gericht mitteilen lassen – unlängst, er will, dass Peter Handke und Rainald Goetz aus dem Verlag geschmissen werden, weil sie ihn beleidigt hätten, was eine totale Überschreitung aller Konventionen in solchen Häusern ist. Barlach hat mitgeteilt, er glaube nicht mehr an die Mediation nach dem heutigen Urteil. Und das heißt, welche Absichten er eigentlich hat. Im Augenblick hat man den Eindruck: die Zerstörung des Verlags.« (Quelle: 3sat »Kulturzeit«, Sendung vom 20.03.2013)

Später wurde der Text von Sandra Kegel durch einen neuen Text von ihr und Edo Reents mit dem hybriden Titel »Das Urteil« ersetzt, der in der Print-Ausgabe des nächsten Tages dem Feuilleton als Aufmacher dient. Dieser Artikel unterscheidet sich in Stil und Inhalt nicht von Schirrmachers TV-Statement, entsprechend den Konventionen in solchen Häusern.


Zum Schluss mal weg von den Querelen. Wie sieht das tagtägliche Verlagsgeschäft bei Suhrkamp aus?

Nehmen wir nur ein Beispiel: Den Philosophen Hans Blumenberg (1920–1996), dessen Schriften bei Suhrkamp erschienen, zählt der Verlag auf seiner Website »fraglos zu den großen, solitären Gestalten in der Philosophie des 20. Jahrhunderts«. Das ist dann nur wohlfeiles Gerede, wenn dem keine adäquaten verlegerischen Taten folgen. Und leider muss man feststellen, dass Blumenbergs Hauptwerke – Die Genesis der kopernikanischen Welt (1975), Arbeit am Mythos (1979), Die Lesbarkeit der Welt (1981), Lebenszeit und Weltzeit (1986) und Höhlenausgänge (1989) – seit vielen Jahren nicht mehr in gebundener (oder wenigstens in broschierter) Form, sondern ausschließlich als Taschenbücher (stw) lieferbar sind. So wird sichtbar, wie sich Anspruch und Wirklichkeit auf gleichsam obszöne Weise widersprechen: Die Lesbarkeit der Welt als Taschenbuchware. Ja, bei anderen Verlagen gibt es vergleichbare Missstände. Aber Suhrkamp vergleicht sich ja sui generis nie mit anderen Verlagen.

In diesem Zusammenhang findet sich allerdings auf der Website des Verlags ein wunderbares Zeugnis postpubertärer Hybris eines 28jährigen Journalisten: »Mit Erscheinen seines Buches Die Sorge geht über den Fluß wird der literarische Rang dieses Denkers unverkennbar. Wir werden künftig, wenn wir von den führenden Schriftstellern des Landes reden, auch den Namen Blumenberg erwähnen müssen.« Veröffentlicht wurden diese altklug-gefinkelten Zeilen 1987 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Autor: Frank Schirrmacher. Immer schon verquast.



Profit Neujahr!


Mit einer Erwiderung Richard Kämmerlings’ auf Frank Schirrmachers FAZ-Artikel wird die Suhrkamp-Chose ins Neue Jahr verfrachtet. In der Hauptsache weist Kämmerlings – nur allzu verständlich – den Angriff Schirrmachers zurück: »Es ist ein nicht anders als böswillig zu nennender Angriff auf meine journalistische Seriosität.«

Dass Kämmerlings den Leitartikel von Jürgen Kaube noch einmal in Erinnerung ruft, ist diesem Hickhack mehr als dienlich. Kaube schrieb den bisher klarsten Artikel in Sachen Suhrkamp. Und dieser Artikel muss Schirrmacher (und Ulla Unseld-Berkéwicz?) äußerst provoziert haben, denn die FAZ galt für die »Suhrkamp-Kultur« – auch wenn’s die überhaupt nicht mehr gibt – als absoluter Rückhalt.

Kämmerlings Ansichten decken sich in vielen Aspekten mit den hier bereits formulierten Vorbehalten gegenüber Schirrmachers Scheinheiligkeit in puncto Parteilichkeit/Parteigängerschaft.

Er beendet seine Erwiderung entsprechend mit den Sätzen: »Frank Schirrmacher sieht die "Mechanik einer Rufschädigung" am Werk. Ausgerechnet eine solche versucht er mit seinen Artikeln nun in Gang zu setzen. Dummerweise fällt das auf ihn selbst zurück.«

Ein willkommener Neujahrswunsch!


Hinweis: Siehe dazu auch den Artikel von Alan Posener: Mechanik einer Rufschädigung.




Krieg der Halbleiter


Ein auf FAZ.NET vom Mentor auf die Einhaltung der »Richtlinien für Lesermeinungen« geprüfter und dann unter dem Titel »Ein klassischer Bärendienst« veröffentlichter Leserbeitrag – zu Frank Schirrmachers Leitartikel im Feuilleton – verschwand nach einigen Stunden spurlos. Dass der Löschung eine zensorische Anweisung vorausging, kann ausgeschlossen werden, denn wir reden hier ja vom FAZ.NET, der Internet-Plattform der Zeitung für Deutschland.

Hier nochmals der verschwundene Beitrag:
  • Ein klassischer Bärendienst
  • Bereits der Titel ist eine absurd misslungene Metapher. ¦¦ Und eine »notwendige Klarstellung« ist im vorliegenden Fall ausschließlich die Aufgabe der Rechtsbeistände oder Pressesprecher der beiden vor Gericht streitenden Parteien. Dritten ist das verwehrt. ¦¦ In seiner Funktion als einer von 5 Herausgebern der F.A.Z. hätte Schirrmacher sich selbst in den Arm fallen müssen. ¦¦ Vorher hatte noch kein Journalist die eigenen, rein privat erworbenen Kenntnisse so ungeniert veröffentlicht und gleichzeitig die Chuzpe gehabt, sie als erfolgreiche Recherche auszugeben. ¦¦ Als Feuilletonist hätte er die schwebenden Gerichtsverfahren lieber gemieden, denn da zeigen sich bei ihm raue ›Missverständnisse‹. ¦¦ Die Veröffentlichung dieses Artikel kennt nur ein Ergebnis: er ist in der Sache bedeutungslos. Aber er hat allen beteiligten und genannten Personen – und vor allem dem Suhrkamp Verlag! – großen Schaden zugefügt. ¦¦ Angezeigt wäre jetzt eine »Klarstellung« in eigener Sache: Canossa wartet.

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Aber wie kam es zum Verschwinden dieser Sätze? Das um Aufklärung gebetene Institut für ’Pataphysik · Aix-la-Chapelle kommt zu dem Ergebnis, dass alle bekannten und extrapolierten Handlungsweisen des heutigen Menschen – Homo sapiens sapiens – ausgeschlossen werden können. Vielmehr handelt es sich um ein sehr seltenes Phänomen, das erstmals Ende des 20. Jahrhunderts in Zusammenarbeit mit CERN und dem MIT beobachtet werden konnte. Es handelt sich dabei um eine selektive Störung bei der Herstellung von Halbleiterspeichern. Diese bewirkt, dass es bei allen Betriebssystemen zu seltsamen Fehlsteuerungen kommt, deren Sinn allerdings vom Homo sapiens sapiens nicht verstanden werden kann. Einzig der – allerdings nur theoretisch existierende – Homo oeconomicus ist in der Lage, diesen Prozess umfänglich zu verstehen.

Das Institut verwies abschließend mahnend auf den Ökonomen Fritz Machlup (1902-1983), der vorgeschlagen hatte, den Homo oeconomicus für »Schwachverständige« besser als homunculus oeconomicus zu bezeichnen, »damit sie eher begreifen, dass er keinen aus einem Mutterleib geborenen Menschen darstellen sollte, sondern eine aus einer Gedankenretorte erzeugte abstrakte Marionette, mit bloß ein paar menschlichen Zügen ausgestattet, die für bestimmte Erklärungszwecke ausgewählt wurde«. Hingegen hat der französische Biophysiker Michel Inutile – kurz vor seinem tödlichen Unfall im Jahre 1986 – die Transformation de l’homme futur als bereits gängige virale Praxis bezeichnet: »La marionnette a coupé les fils.«

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Als zuständiger Herausgeber für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat der in Frankfurt am Main und Potsdam lebende Dr. phil. Frank Schirrmacher sich binnen einer Woche zweimal in Sachen Suhrkamp Verlag zu Wort gemeldet –:

  • 20.12.2012 arrow-orange-1 Dies ist kein Schundroman. Gegen die falsche und verkitschte Berichterstattung über den Streit zwischen den Gesellschaftern: Eine historische Klarstellung im Fall Suhrkamp.
  • 27.12.2012 arrow-orange-1 Ein literarischer Stern soll verglühen. Im Streit um die Stellung von Ulla Berkéwicz im Suhrkamp-Verlag gibt es Tatsachen. Und es gibt Gerüchte, die andere Geschichten insinuieren: Eine notwendige Klarstellung.
Er versteht sich somit als ein historisch agierender resp. notwendiger »Klarsteller«. Für ihn gibt es nur eine Wahrheit. Und so drängt sich unweigerlich Schillers Frage auf: »Wer blies dir das Wort ein? Höre, Kerl! das hast du nicht aus deiner Menschenseele hervorgeholt!«.

Durch die beiden Artikel hat sich Schirrmacher öffentlich – inmitten eines schwebenden privaten Rechtsstreit – zum laut posaunenden Parteigänger von Ulla Unseld-Berkéwicz erklärt, die er meist irrtümlich(?) Ulla Berkéwicz nennt, wohl wissend, dass sie unter diesem Namen nur noch als Autorin tätig ist; die Geschäftsführerin und Verlegerin des Suhrkamp Verlags heißt hingegen Ulla Unseld-Berkéwicz und ihr bürgerlicher Name lautet Ulla Unseld. Vielleicht sollte er zukünftig nicht von seinen Kollegen »ein Minimum an journalistischer Genauigkeit« einfordern, da er in seinen eigenen Artikeln auch ziemlich lax mit ihr umgeht.

Wohlgemerkt: Schirrmacher hat als Journalist nicht in seinem Artikel Partei ergriffen, sondern er ist in dieser Sache als schreibender Herausgeber ein glühender Parteigänger. Den beweiserheblichen Unterschied ignoriert er.

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Und wieso diese irrationalen ›Vernichtungsphantasien‹, ausgelöst durch einen real so nicht existierenden Erzfeind aller Suhrkamp-Autoren, der angeblich letzte Vermarkter der »Suhrkamp-Kultur«? Oder handelt es sich bei der Beschreibung der Figur Hans Barlach in Wahrheit nur um einen Pre Shot des Random House Bertelsmann Blessing-Autors Schirrmacher für sein im Februar erscheinendes Buch: »Ego. Das Spiel des Lebens«?.

»Dieses Buch erzählt davon, wie nach dem Ende des Kalten Kriegs ein neuer Kalter Krieg im Herzen unserer Gesellschaft eröffnet wird. Es ist die Geschichte einer Manipulation: Vor sechzig Jahren wurde von Militärs und Ökonomen das theoretische Model eines Menschen entwickelt. Ein egoistisches Wesen, das nur auf das Erreichen seiner Ziele, auf seinen Vorteil und das Austricksen der anderen bedacht war: ein moderner Homo oeconomicus. Nach seiner Karriere im Kalten Krieg wurde er nicht ausgemustert, sondern eroberte den Alltag des 21. Jahrhunderts. Aktienmärkte werden heute durch ihn gesteuert, Menschen ebenso. Er will in die Köpfe der Menschen eindringen, um Waren und Politik zu verkaufen. Das Modell ist zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden. Der Mensch ist als Träger seiner Entscheidungen abgelöst, das große Spiel des Lebens läuft ohne uns.
Frank Schirrmacher zeichnet in seinem bahnbrechenden neuen Buch die Spur eines monströsen Doppelgängers nach und macht klar, dass die Konsequenzen seines Spiels das Ende der Demokratie sein könnte, wie wir sie heute kennen.« (Quelle: Werbe- und Pressetext der Verlagsgruppe Random House Bertelsmann / Blessing Verlag)

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Ach! Ach was!

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Konzentrieren wir uns aber jetzt wieder auf seinen zweiten Artikel, der als Aufmacher des Feuilletons fast die ganze Seite beansprucht und keineswegs das ist, was er vorgibt zu sein: ritterlich. Sichtbar wird allerdings nur ein molièrescher Moralist, der auf eine höchst unmoralische und notabene lächerliche Art zu Werke geht.

Als Beispiel einer derart zutiefst lächerlichen Handlung verstehe ich seine – auf Richard Kämmerlings bezogene – Behauptung: »Der Journalist will, was man ihm angesichts der Bedeutung des Berliner Verlags nicht verdenken kann, sich mit der Deutung der Suhrkamp-Querelen einen Namen machen.« Dieser Journalist war von 2001-2010 als Literaturredakteur der FAZ sein Kollege – falls Schirrmacher einen Redakteur überhaupt als Kollegen begreift. In diesem Satz wird aus einer unmoralischen Intention eine veritable Denunziation. So etwas kann man durchaus auch als Versuch verstehen, sein subjektives Machtempfinden als Herausgeber der FAZ mit großer Verve einzusetzen, um den – in Wirklichkeit guten – Ruf eines ehemaligen Kollegen nachhaltig zu beschädigen.

Das ist verwerflich, billig und dumm. Zudem verkennt Schirrmacher die banale Realität. Heutzutage können sich Herausgeber nur noch innerhalb des Zeitungsverlags, dessen Angestellte sie sind, derart junkerhaft gerieren. In der realen Medienwelt ist das längst – wenn überhaupt – von marginaler Bedeutung. Sie verfügen in ihren Positionen über eine kaum noch messbare Meinungshoheit. Anstatt gegen diesen Verlust à la Schirrmacher zu wüten, können sie dem zugrundeliegenden Paradigmenwechsel nur kreativ begegnen, wenn möglich.

Schirrmacher bleibt der recherchierende Literaturjunker: »Es war natürlich nur eine Frage der Zeit, bis Kämmerlings auch auf Joachim Unseld stoßen würde.« Es muss für Kämmerlings ein historischer Augenblick gewesen sein, durch einen Whistleblower – vermutlich war’s Martin Walser – in Erfahrung zu bringen, dass Siegfried einen Sohn namens Joachim hat! Das hätte er doch auch vom guten Frank erfahren können!

Aber erst jetzt kommt Dr. Schirrmachers Todesstoß: »Da es aber in allem stets noch eine Stufe tiefer geht, bricht der „Welt“-Redakteur einen stillschweigenden Konsens des Journalismus jenseits der Regenbogenpresse, der, bis heute jedenfalls, mit guten Gründen darauf achtet, in Familienkriegen den Beteiligten nicht den Status von Zeugen zu geben.«

Und jetzt wird uns auf einen Schlag klar, dass Schirrmacher (Ego) überhaupt nicht Schirrmacher (Alter Ego) ist, denn der wahre Schirrmacher hätte ja nie gegen diesen »stillschweigenden Konsens« verstoßen. Wir werden wohl niemals erfahren, wer am 20.12.2012 in der FAZ unter dem Namen Frank Schirrmacher wirklich folgende Zeilen schrieb:

»Wir [Unseld & Schirrmacher] trafen uns oft, mit dabei war auch Graf von der Goltz, der einst BMW gerettet hatte, und Hans-Wolfgang Pfeifer, langjähriger Geschäftsführer der F.A.Z.. Unseld wurde damals vorgeworfen, jeden seiner potentiellen Nachfolger aus dem Verlag gedrängt zu haben - auch das war eine unfaire Reduktion eines vielschichtigen Prozesses auf ein paar psychische Befindlichkeiten. Vor allem aber entspricht nicht den Tatsachen, dass Ulla Berkéwicz sich in den Verlag hineingedrängt hätte. Tatsächlich - jeder, der es aus der Nähe erlebte, wird es bezeugen können - hatte Siegfried Unseld seine Frau geradezu bedrängt, die Verantwortung für den Verlag zu übernehmen. Eines Tages bat er mich (und gewiss auch andere), auf sie einzuwirken. Sie sah voraus, dass ihre Karriere als Schriftstellerin unweigerlich Schaden nehmen würde, und sie sah voraus, dass der Betrieb sie als Usurpatorin attackieren würde. Es war ein langer Prozess, bis sie sich dazu überreden ließ. Alle Anspielungen auf die Illegitimität ihres Anspruchs haben mit dem, was wirklich geschah, nichts zu tun.«

Joachim Unseld darf als Sohn niemals Zeuge sein, weil ja der vollkommen unparteiische und extrem geheimräterische Dr. Frank Schirrmacher ständiger Zeuge und Sprecher aller weiteren Zeugen war und ist … … …

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Genug ist genug. Allzu viel wäre noch zu korrigieren. Wie Schirrmacher z.B. die Gefahr bannen will, »dass ein auf Klicks und Remmidemmi zielender Journalismus die Verlegerin zur Lady Macbeth von Nikolassee macht.« Wie kommt er denn ausgerechnet auf Lady Macbeth? Eindeutig das völlig falsche Stück und die falsche Figur. Aber es liest sich natürlich so blendend schön dramatisch … Shakespeare hätte wohl eher zu Hamlet geraten, aber der wird ja als Zeuge von der Kommission nicht zugelassen.

Spätestens im Februar wird das LG Frankfurt am Main über Suhrkamps Zukunft entscheiden. Und im gleichen Monat erfährt die Menschheit – also die, die sich als lebende Gemeinschaft des Homo sapiens sapiens versteht – von Dr. Frank Schirrmacher, wer sie in Wirklichkeit (noch oder schon) ist. Aber vor allem können wir vielleicht begreifen, wer oder wer oder was eigentlich Dr. Schirrmacher ist, der einst – scho a bisserl heikel – über Kafkas Prozeß magistrierte ≈ promovierte.



Canossa wartet


Heute veröffentlichte FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher unter dem Titel »Suhrkamp-Verlag – Ein literarischer Stern soll verglühen. Im Streit um die Stellung von Ulla Berkéwicz im Suhrkamp-Verlag gibt es Tatsachen. Und es gibt Gerüchte, die andere Geschichten insinuieren: Eine notwendige Klarstellung« binnen einer Woche seinen zweiten Artikel zur Causa Suhrkamp.

Dazu wurde von mir auf FAZ.NET folgender Leserbeitrag veröffentlicht:
  • Ein klassischer Bärendienst
  • Bereits der Titel ist eine absurd misslungene Metapher. Und eine »notwendige Klarstellung« ist im vorliegenden Fall ausschließlich die Aufgabe der Rechtsbeistände oder Pressesprecher der beiden vor Gericht streitenden Parteien. Dritten ist das schlichtweg verwehrt. In seiner Funktion als einer von 5 Herausgebern der F.A.Z. hätte Schirrmacher sich selbst in den Arm fallen müssen. Vorher hatte noch kein Journalist die eigenen, rein privat erworbenen Kenntnisse so ungeniert veröffentlicht und gleichzeitig die Chuzpe gehabt, sie als erfolgreiche Recherche auszugeben. Als Feuilletonist hätte er die schwebenden Gerichtsverfahren lieber gemieden, denn da zeigen sich bei ihm raue ›Missverständnisse‹. Die Veröffentlichung dieses Artikel kennt nur ein Ergebnis: er ist in der Sache bedeutungslos. Aber er hat allen beteiligten und genannten Personen – und vor allem dem Suhrkamp Verlag! – großen Schaden zugefügt. Angezeigt wäre jetzt eine »Klarstellung« in eigener Sache: Canossa wartet.

Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit diesem Artikel folgt …



Ein Dualist, ein Vorschlag und ein Überzeugungstäter


Durs Grünbein hat sich gestern auf FAZ.NET zu Wort gemeldet: »Als wäre es die Lösung, all das preiszugeben«. Dazu äußerte ich heute unter der Überschrift »Ohne alle Bravour« als Leser meine Meinung.

      Als Lektor würde ich diesem Artikel von Grünbein mit Empathie begegnen und dem Autor deshalb raten, ihn keinesfalls zu veröffentlichen. Von einem Autor seines Ranges verlange ich deutlich mehr intellektuelle Schärfe. Und keinen derart pathetischen Dualismus.
      Seine Behauptung, dass es sich hier um den Kampf zwischen Geist und Kapital handelt, belegt er nur mit aufgemotzten Ressentiments. War es etwa nicht ein kapitalistisches Konzept, die Autoren, die bei Suhrkamp/Unseld ihre Bücher veröffentlichen durften, sofort mit dem Label Suhrkamp-Autor zu versehen? Aus dem Autor wurde schlichtweg eine Kapitalanlage. Die Renditenkonzepte wurden der Marktfähig des jeweiligen Autors angepasst. Unseld dachte in vielen Fällen da etwas längerfristig, was aber wohl eher seinem legendären Ego geschuldet war.
      Grünbein verurteilt Barlach, weil der Erbe ist. Ihn gegen seinen Erblasser auszuspielen, das ist alles andere als geistvoll.
      Ein Suhrkamp-Autoren-Artikel ohne intellektuelle Bravour. Schade drum.

Eine zweite Meinung, die veröffentlich wurde, schrieb ich um 03:15 Uhr unter dem Titel »Ein Vorschlag«:
      Die Angestellten und Autoren von Suhrkamp wollen die Auflösung des Verlags verhindern. Es gibt zu diesem Zeitpunkt m.E. durchaus eine Möglichkeit, dies zu erreichen.
      Die Mehrheits- und Minderheitsgesellschafter einigen sich auf folgenden Fünf-Punkte-Plan:
01  Hans Barlach zieht die beim LG Frankfurt eingereichte Klage auf Auflösung zurück.
02  Der Suhrkamp Verlag verzichtet auf Rechtsmittel gegen das Urteil des LG Berlin.
03  Die Vorsitzende der Geschäftsführung Ulla Unseld-Berkéwicz und die beiden Geschäftsführer Landgrebe und Sparr treten zurück.
04  Die beiden Gesellschafter bestimmen gemeinsam die unparteiische Berliner Verlegerin Katharina Wagenbach-Wolff zur Vorsitzenden der Geschäftsführung. Diese bestimmt unabhängig jeweils einen buchverlagserfahrenen Vertreter der beiden Gesellschafter zum Geschäftsführer.
05  Diese Geschäftsführung erarbeitet bis Ende 2013 einen Plan, wie der Verlag im Interesse beider Gesellschafter mit einer neuen Geschäftsführung fortgeführt werden kann.

Selbstverständlich ist das ein utopischer Vorschlag, denn ihm liegt eine Form der Einsichtsfähigkeit in die Sache zugrunde.

Frank Schirrmacher gibt heute in der FAZ und auf FAZ.NET wieder einmal mehr – unter der Überschrift »Dies ist kein Schundroman« – den hochstehenden Pennäler. Nun wissen wir endlich, wie & warum Ulla Unseld-Berkéwicz nach Siegfried Unselds Tod wirklich zur Verlegerin wurde:

» … Vor allem aber entspricht nicht den Tatsachen, dass Ulla Berkéwicz sich in den Verlag hineingedrängt hätte. Tatsächlich — jeder, der es aus der Nähe erlebte, wird es bezeugen können — hatte Siegfried Unseld seine Frau geradezu bedrängt, die Verantwortung für den Verlag zu übernehmen.
Eines Tages bat er mich (und gewiss auch andere), auf sie einzuwirken. Sie sah voraus, dass ihre Karriere als Schriftstellerin unweigerlich Schaden nehmen würde, und sie sah voraus, dass der Betrieb sie als Usurpatorin attackieren würde. Es war ein langer Prozess, bis sie sich dazu überreden ließ. Alle Anspielungen auf die Illegitimität ihres Anspruchs haben mit dem, was wirklich geschah, nicht zu tun.«

Man kann davon ausgehen, das der Feuilletonist & Herausgeber Schirrmacher zu keinem Zeitpunkt bemerkt hat, dass sein Stil (Aufbau, falsches Pathos, mangelnde Textlogik) dem der klassischen Trivial- resp. Schundliteratur entspricht. Alles egal. Hauptsache seine Flaschenpost erreichte das Ufer der Öffentlichkeit: Was Unseld nicht schaffte, das habe ich geschafft.

Hätte er sich doch nur einen legendären Satz zu Herzen genommen: »Überzeugen ist unfruchtbar«. Er findet sich in der Einbahnstraße von Walter Benjamin. Das Buch erschien 1928 im Ernst Rowohlt Verlag Berlin. Ein Faksimile dieser Ausgabe erschien übrigens 1982 im Verlag Brinkmann & Bose Berlin, »mit freundlicher Zustimmung des Suhrkamp Verlags«.

Es ist wirklich nicht mehr komisch, was für scheingebildete Egomanen über so viel Macht in unserer Gesellschaft verfügen.