Jürgen Kesting



Wagner in vitro

Ende Januar stellte Jürgen Kesting in seinem FAZ-Artikel »Wenn ich nur seine Stimme hätte« zum x-ten Mal über Wagner-Tenöre fest: »Die Frage nach ›richtigen‹ Sängern für seine Helden, für Siegfried, Tannhäuser oder Tristan, gehört zu den Leitmotiven in seinen Schriften.« In der Literaturkritik spricht man zwar allenfalls von Leitgedanken oder -themen, aber bei Richard Wagner ist es für Kesting auch dort ein »Leitmotiv«. Und seine Heiligkeit schreibt ja seit Jahrzehnten in der Gnade der Unfehlbarkeit.

Hauptfiguren des Artikels sind – parallel zu der hyperpedantischen Vermessung der einzelnen Partien inklusive Notenzählung(!) – die Tenöre Joseph Tichatschek (1807–1886) und Ludwig Schnorr von Carolsfeld (1836–1865). Von deren Gesangskunst existieren aber nun einmal keine Tondokumente. Doch Kesting wäre eben nicht Kesting, brächte er nicht sein stimmpäpstliches Echolot ins Spiel: »Denkbar, dass wir in den Aufnahmen von Leo Slezak ein Echo dieses hellleuchtenden Stimmklangs Tichatscheks vernehmen.« Also alles – wie immer – eine retrospektive Fiktion à la Kesting: Gesang in vitro.