Katharina Hacker



Erbschaft (in) dieser Zeit


Leitet man in seinem achten Lebensjahrzent ein eigenes mittelständiges Unternehmen, so denkt man in der Regel rechtzeitig über seinen eigenen Tod hinaus. Im Falle von Siegfried Unseld und seinem Suhrkamp Verlag – also der Suhrkamp Verlag GmbH und Co. KG – ist das Ergebnis offenkundig vollkommen misslungen. Seit über einem Jahrzehnt – Unseld starb nach längerer Krankheit am 26.Oktober 2002 – wird über den Suhrkamp Verlag (fast) nur noch als Erbschaftsangelegenheit und den daraus resultierenden Unternehmensentscheidungen und -querelen berichtet.

Im Moment scheint niemand genau zu wissen, wer den Verlag eigentlich rechtswirksam leitet oder leiten darf. Und erst am 13.02.2013 wird das Landgericht Frankfurt entscheiden, ob der Suhrkamp Verlag in Zukunft überhaupt noch existieren wird. Kurzum: nix genaues weiß man – siehe dazu den gestrigen FAZ-Artikel »Die Logik der Entscheidung«.

Peter Suhrkamp gründete 1948 seinen Verlag, 1952 trat Siegfried Unseld in den Verlag ein, wurde 1957 persönlich haftender Gesellschafter und nach Suhrkamps Tod 1959 dessen Nachfolger. Der Name Suhrkamp blieb selbstverständlich als Programm und Qualitätsgarantie erhalten …

Unseld erkannte früh, dass sich der Verlag nach innen immer wieder verändern musste, aber in der Aussendarstellung als Markenzeichen absolute Konstanz verlangte. Die Ästhetik der klassischen Moderne – hier sei besonders an die unschätzbaren Leistungen des Kommunikationsdesigners Willy Fleckhaus erinnert – wurde ein integraler Bestandteil der Verlagskultur. Fleckhaus lieferte die Entwürfe für die Buchreihen des Suhrkamp Verlags Bibliothek Suhrkamp (1959), Edition Suhrkamp (1962) und Suhrkamp Taschenbuch sowie für die Taschenbücher des Insel Verlags – it.

Aber nach dem Tod Unselds vollzog seine Witwe – Ulla Unseld-Berkéwicz – einen Paradigmenwechsel nach dem anderen –: 2004 änderte sie das Titeldesign und die Typografie der Edition Suhrkamp und des Suhrkamp Taschenbuchs. Das Ergebnis ist eine ästhetische Vernichtung. Ab 2008 lassen edition suhrkamp und suhrkamp taschenbuch wissenschaft auftragsbezogen von der Fa. Books on Demand drucken und ausliefern, wenn Nachdrucke sich voraussichtlich nicht lohnen. Fast gleichzeitig entstanden die edition unseld, die unseld lectures und die filmedition suhrkamp. 2009 wurden alle Suhrkamp-Archive an das Deutsche Literaturarchiv Marbach verkauft. 2010 wurde das gesamte verbliebene Frankfurter Bucharchiv des Verlags an den Versandhändler Zweitausendeins veräußert, der die Bücher in seinen Läden verramschte …

Nicht zu vergessen ist der unfriedliche Weggang wesentlicher Mitarbeiter und Autoren: Günter Berg, Mechthild Strausfeld, Martin Walser, Adolf Muschg, Imre Kertész, Katharina Hacker etc.

Seit Anfang 2010 hat die Suhrkamp Verlag GmbH und Co. KG ihren Hauptsitz endgültig von Frankfurt nach Berlin-Prenzlauer Berg verlegt. Das Suhrkamp-Haus in Frankfurt wurde 2011 abgerissen. Heute existiert noch ein Verlag mit Namen Suhrkamp, aber die einst von George Steiner definierte »Suhrkamp-Kultur« ist schon längst der Welt abhanden gekommen.

Stattdessen wird mit der dezenten Behauptung »Siegfried Unseld ist unbestritten der größte Verleger des 20. Jahrhunderts« ein hauseigener Unseld-Kult etabliert: Seine Briefwechsel mit Thomas Bernhard, Peter Handke, Uwe Johnson, Wolfgang Koeppen und Peter Weiss werden sicherlich um zahlreiche Korrespondenzen erweitert werden; von seinen 1970 begonnenen »Chroniken« werden vermutlich noch unzählige Bände erscheinen etc. …

All dies verweist verlegerisch mehr auf eine Geisterbeschwörung als auf kreative Entwicklungen. Gralshüter sind letztlich immer nur humorlose Totengräber.