Peter Handke



Von wem ist die Rede, wenn von Suhrkamp die Rede geht?


Der Suhrkamp Verlag wurde am 20. März vom Landgericht Frankfurt dazu verurteilt, Hans Barlachs Medienholding Winterthur einen Betrag aus dem nichtoperativen Gewinn des Bilanzjahres 2010 in Höhe von 2.184.000 € – plus Zinsen in Höhe von ca. 60.000 € – zu zahlen. Das Gericht stellte in der mündlichen Urteilsbegründung fest: »Es ist in Erinnerung zu rufen, dass die Klägerin [Barlachs Medienholding Winterthur] und die Streithelferin [die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung] in der Gesellschaftsvereinbarung klipp und klar gemeinsam festgehalten haben: ›Ziel der Klägerin ist, von den Suhrkamp-Kommanditgesellschaften möglichst hohe Ausschüttungen zu erhalten‹.« Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Vertreten wurde Suhrkamp durch die Hamburger Kanzlei Witthohn Aschmann Schellack, die die Welt auf Ihrer Website wissen lässt: »Wir entwickeln für unsere Mandanten ganzheitliche Lösungen in den Bereichen Recht, Steuern und Bilanzierung. Für die Durchsetzung der Mandanteninteressen nutzen wir unsere langjährige Erfahrung. Wir sind Spezialisten, fachübergreifend, unternehmerisch, zielorientiert und nachhaltig.« Die aus diesem Rechtsstreit bisher entstandenen Anwalts- und Gerichtskosten dürften für Suhrkamp ca. 70.000 € betragen.

Suhrkamps Pressesprecherin Tanja Postpischil erklärte: »Da uns die [schriftliche] Urteilsbegründung bislang noch nicht vorliegt, gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellungnahme unsererseits.«

Das ist in Umrissen der schlichte Sachverhalt.

Doch es gibt ja noch so etwas wie den ›wahren Anwalt & Sprecher‹ von Suhrkamp resp. Ulla Unseld-Berkéwicz: Dr. phil. Frank Schirrmacher, Journalist, Sachbuchautor und seit 1994 Herausgeber des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seit 1999 wahrhaftig – verliehen durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog – Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse. Er wird zu den bestvernetzten und einflussreichsten Zeitungsmachern Deutschlands gezählt. Selbst skandalöse Auftritte — wie z.B. die widerwärtig devote Laudatio auf den Scientologen und Schauspieler Tom Cruise bei der »Bambi«-Verleihung 2007 – bleiben für Schirrmacher letztlich ohne Folgen.

Im vorliegenden Fall entschied sich Schirrmacher offensichtlich, zunächst Sandra Kegel über die Niederlage Suhrkamps auf FAZ.NET unter dem Titel »Es geht um die Existenz« berichten zu lassen. Der Artikel endet mit folgenden Sätzen: »Barlach auf Konfrontationskurs. Für eine Stellungnahme waren bislang weder der Verlag noch Hans Barlach zu erreichen. Dass eine Gewinnentnahme, wie sie Barlach in Frankfurt jetzt erstritten hat, in dieser Größe an die Existenz des Verlages geht, steht außer Frage: Der Verlag hatte, wie auch der Anwalt Witthohn bestätigt, bisher geltend gemacht, diese Summe gar nicht aufbringen zu können. Das Frankfurter Landgericht hingegen befand, der Verlag hätte dafür ›notfalls‹ ein Darlehen aufnehmen müssen. / Wie sehr Barlach auf Konfrontationskurs geht, ist daraus ersichtlich, dass er eine Stunde nach Urteilsverkündung über seinen Anwalt per E-Mail ausrichten ließ, alle bisher laufenden Mediationsgespräche abzubrechen
Hat Frau Kegel das Urteil nicht verstanden oder will sie es nicht verstehen. Die »Gewinnentnahme« steht Barlach aus dem nichtoperativen Gewinn zu: Verkauf des Suhrkamp-Archivs, des Frankfurter Verlagshauses etc. Der Unterschied zwischen operativem und nichtoperativem Gewinn wird in dem Artikel vorsätzlich oder grob fahrlässig unterschlagen. Journalismus auf BILD-Niveau.

Während dieser Artikel online ist, beantwortet Schirrmacher dem Fernsehsender 3sat vor der Kamera die Frage, was dieses Urteil für Suhrkamp bedeute. »Für den Verlag bedeutet es eine Fortführung eines Kalten Krieges mit seinem wichtigsten Gesellschafter oder Gemein… [unverständlich]. Die entscheidende Frage aber, auch die journalistische Frage ist: was will Hans Barlach? Barlach hat vor Gericht mitteilen lassen – unlängst, er will, dass Peter Handke und Rainald Goetz aus dem Verlag geschmissen werden, weil sie ihn beleidigt hätten, was eine totale Überschreitung aller Konventionen in solchen Häusern ist. Barlach hat mitgeteilt, er glaube nicht mehr an die Mediation nach dem heutigen Urteil. Und das heißt, welche Absichten er eigentlich hat. Im Augenblick hat man den Eindruck: die Zerstörung des Verlags.« (Quelle: 3sat »Kulturzeit«, Sendung vom 20.03.2013)

Später wurde der Text von Sandra Kegel durch einen neuen Text von ihr und Edo Reents mit dem hybriden Titel »Das Urteil« ersetzt, der in der Print-Ausgabe des nächsten Tages dem Feuilleton als Aufmacher dient. Dieser Artikel unterscheidet sich in Stil und Inhalt nicht von Schirrmachers TV-Statement, entsprechend den Konventionen in solchen Häusern.


Zum Schluss mal weg von den Querelen. Wie sieht das tagtägliche Verlagsgeschäft bei Suhrkamp aus?

Nehmen wir nur ein Beispiel: Den Philosophen Hans Blumenberg (1920–1996), dessen Schriften bei Suhrkamp erschienen, zählt der Verlag auf seiner Website »fraglos zu den großen, solitären Gestalten in der Philosophie des 20. Jahrhunderts«. Das ist dann nur wohlfeiles Gerede, wenn dem keine adäquaten verlegerischen Taten folgen. Und leider muss man feststellen, dass Blumenbergs Hauptwerke – Die Genesis der kopernikanischen Welt (1975), Arbeit am Mythos (1979), Die Lesbarkeit der Welt (1981), Lebenszeit und Weltzeit (1986) und Höhlenausgänge (1989) – seit vielen Jahren nicht mehr in gebundener (oder wenigstens in broschierter) Form, sondern ausschließlich als Taschenbücher (stw) lieferbar sind. So wird sichtbar, wie sich Anspruch und Wirklichkeit auf gleichsam obszöne Weise widersprechen: Die Lesbarkeit der Welt als Taschenbuchware. Ja, bei anderen Verlagen gibt es vergleichbare Missstände. Aber Suhrkamp vergleicht sich ja sui generis nie mit anderen Verlagen.

In diesem Zusammenhang findet sich allerdings auf der Website des Verlags ein wunderbares Zeugnis postpubertärer Hybris eines 28jährigen Journalisten: »Mit Erscheinen seines Buches Die Sorge geht über den Fluß wird der literarische Rang dieses Denkers unverkennbar. Wir werden künftig, wenn wir von den führenden Schriftstellern des Landes reden, auch den Namen Blumenberg erwähnen müssen.« Veröffentlicht wurden diese altklug-gefinkelten Zeilen 1987 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Autor: Frank Schirrmacher. Immer schon verquast.



Wahn! Wahn! Überall Wahn!


Am späten Nachmittag lancierte Sandra Kegel, FAZ-Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben, unter der Überschrift »Mediator. Naumann vermittelt im Suhrkamp-Konflikt« eine formidable Falschmeldung auf FAZ.NET.

Bei der Lektüre stellt sich sehr schnell heraus, dass seitens der Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung, also von Ulla Unseld-Berkéwicz und ihrem Vorstandskollegen und Rechtsanwalt Peter Raue, lediglich ein Gesprächsangebot vorgelegt wurde, »um die bestehenden Konflikte der Gesellschafter des Suhrkamp Verlages zu lösen.« Frau Kegel schreibt weiter: »Die Stiftung bestellte den ehemaligen Kulturstaatsminister Michael Naumann zum Mediator.«

Spätestens beim Schreiben dieses Satzes hätte Frau Kegel bemerken müssen, dass etwas faul ist im Suhrkamp-Staat. Ein Mediator kann niemals von einem Gesellschafter bestellt werden. Beide Gesellschafter müssen sich auf einen Mediator verständigen – siehe dazu die wunderbare FAZ-Glosse »Suhrkamp 21« von Jan Wiele. Jedenfalls sehen Anstand, Vernunft und Gesetz das vor.

Und selbstverständlich lässt Naumann auf Anfrage gleich noch ein paar Spruchblasen in Sachen Suhrkamp aufsteigen. Dann schreibt Frau Kegel auch schon ihren letzten Satz: »Bislang hat Hans Barlach auf das Gesprächsangebot nicht reagiert.«

Form und Inhalt dieser Meldung resp. dieses kurzen Artikels kann man, nein: muss man als strohdummen Versuch einer (weiteren) öffentlichen Demütigung des Suhrkamp-Gesellschafters Hans Barlach werten; und es ist eine derart dummdreiste Provokation, die den Verdacht nahe legt, dass Richter Gieritz vom LG Frankfurt nur noch eine gesetzliche Möglichkeit haben wird: er wird den Verlag auflösen.

Ulla Unseld-Berkéwicz und Peter Raue bieten an und bestellen. Das zeugt einmal mehr von dramatischem Realitätsverlust und erschreckender Bildungsferne angeblicher »Geistesmenschen«. Übrig geblieben sind realiter Megalomanie und eine besonders widerliche Form von Arroganz statt »Verlagskultur«.

Und ausgerechnet Michael Naumann!
Hatte der nicht als Chefredakteur des Monatsmagazins Cicero gerade erst – am 12.12.2012 – den Artikel »Keine Absurditäten mehr ausgeschlossen« zur Causa Suhrkamp geschrieben? Und was schrieb der angebliche Mediator von Suhrkamps Gnaden, der Barlach grundsätzlich als »Möchtegern-Verleger« schmäht?

»Hans Barlach, in einem Wort, will Kohle machen. Er hält sich auch für einen besseren Verleger, nicht ahnend, dass zwischen satten Deckungsbeiträgen kraft Masseware und literarischer Qualität ein himmelhochweiter
[sic!] Unterschied existiert. Mehr noch, er nennt bekannte Verlegernamen, die er als Nachfolger von Ulla Unseld-Berkéwicz sieht. Keinen einzigen von ihnen hat er gefragt. Sie sind empört. Und kein einziger wäre so dumm, seinem Ruf zu folgen. Der Mann ist beleidigt, gekränkt, verärgert und einfach wütend – ein Racheengel mit einer Heerschar von Anwälten im Rücken.«

In einem heute um 19:07 Uhr vom Deutschlandradio Kultur ausgestrahlten Interview mit Naumann hat dieser wirklich die Chuzpe zu behaupten, »dass es jetzt darauf ankommt, dass Herr Barlach bereit ist, überhaupt ein Gespräch mit mir zu führen«. Und dann schwafelt er noch vom entscheidenden »walk of the wood« bei den seinerzeitigen Genfer Abrüstungsgesprächen. Ein bestellter Graus.

Man kann sich dieses trio infernale lebhaft vorstellen, wie sie sich gegenseitig diese zynische Dämlichkeit als Geisteswitz vorgegaukelt haben, denn Naumann ist doch auch seit 2010 Mitglied im »Board of Trustess« des milliardenschweren Medienunternehmens Thomson Reuters Corporation.

Es wird einfach immer ekelhafter. Und man muss erkennen: Suhrkamp ist vollkommen am Ende. So oder so. Aber für die Trauerfeier gibt es ja bekanntlich bereits die passende »Begegnungsstätte« in der Villenkolonie Nikolassee mit ausreichend Veuve Cliquot Ponsardin und Streichquartett. Und danach müssen sich die verlegten Autoren wieder finden und bei ordinären Verlagen veröffentlichen. Nur Peter Handke wird für immer im Wald verschwinden.



Erbschaft (in) dieser Zeit


Leitet man in seinem achten Lebensjahrzent ein eigenes mittelständiges Unternehmen, so denkt man in der Regel rechtzeitig über seinen eigenen Tod hinaus. Im Falle von Siegfried Unseld und seinem Suhrkamp Verlag – also der Suhrkamp Verlag GmbH und Co. KG – ist das Ergebnis offenkundig vollkommen misslungen. Seit über einem Jahrzehnt – Unseld starb nach längerer Krankheit am 26.Oktober 2002 – wird über den Suhrkamp Verlag (fast) nur noch als Erbschaftsangelegenheit und den daraus resultierenden Unternehmensentscheidungen und -querelen berichtet.

Im Moment scheint niemand genau zu wissen, wer den Verlag eigentlich rechtswirksam leitet oder leiten darf. Und erst am 13.02.2013 wird das Landgericht Frankfurt entscheiden, ob der Suhrkamp Verlag in Zukunft überhaupt noch existieren wird. Kurzum: nix genaues weiß man – siehe dazu den gestrigen FAZ-Artikel »Die Logik der Entscheidung«.

Peter Suhrkamp gründete 1948 seinen Verlag, 1952 trat Siegfried Unseld in den Verlag ein, wurde 1957 persönlich haftender Gesellschafter und nach Suhrkamps Tod 1959 dessen Nachfolger. Der Name Suhrkamp blieb selbstverständlich als Programm und Qualitätsgarantie erhalten …

Unseld erkannte früh, dass sich der Verlag nach innen immer wieder verändern musste, aber in der Aussendarstellung als Markenzeichen absolute Konstanz verlangte. Die Ästhetik der klassischen Moderne – hier sei besonders an die unschätzbaren Leistungen des Kommunikationsdesigners Willy Fleckhaus erinnert – wurde ein integraler Bestandteil der Verlagskultur. Fleckhaus lieferte die Entwürfe für die Buchreihen des Suhrkamp Verlags Bibliothek Suhrkamp (1959), Edition Suhrkamp (1962) und Suhrkamp Taschenbuch sowie für die Taschenbücher des Insel Verlags – it.

Aber nach dem Tod Unselds vollzog seine Witwe – Ulla Unseld-Berkéwicz – einen Paradigmenwechsel nach dem anderen –: 2004 änderte sie das Titeldesign und die Typografie der Edition Suhrkamp und des Suhrkamp Taschenbuchs. Das Ergebnis ist eine ästhetische Vernichtung. Ab 2008 lassen edition suhrkamp und suhrkamp taschenbuch wissenschaft auftragsbezogen von der Fa. Books on Demand drucken und ausliefern, wenn Nachdrucke sich voraussichtlich nicht lohnen. Fast gleichzeitig entstanden die edition unseld, die unseld lectures und die filmedition suhrkamp. 2009 wurden alle Suhrkamp-Archive an das Deutsche Literaturarchiv Marbach verkauft. 2010 wurde das gesamte verbliebene Frankfurter Bucharchiv des Verlags an den Versandhändler Zweitausendeins veräußert, der die Bücher in seinen Läden verramschte …

Nicht zu vergessen ist der unfriedliche Weggang wesentlicher Mitarbeiter und Autoren: Günter Berg, Mechthild Strausfeld, Martin Walser, Adolf Muschg, Imre Kertész, Katharina Hacker etc.

Seit Anfang 2010 hat die Suhrkamp Verlag GmbH und Co. KG ihren Hauptsitz endgültig von Frankfurt nach Berlin-Prenzlauer Berg verlegt. Das Suhrkamp-Haus in Frankfurt wurde 2011 abgerissen. Heute existiert noch ein Verlag mit Namen Suhrkamp, aber die einst von George Steiner definierte »Suhrkamp-Kultur« ist schon längst der Welt abhanden gekommen.

Stattdessen wird mit der dezenten Behauptung »Siegfried Unseld ist unbestritten der größte Verleger des 20. Jahrhunderts« ein hauseigener Unseld-Kult etabliert: Seine Briefwechsel mit Thomas Bernhard, Peter Handke, Uwe Johnson, Wolfgang Koeppen und Peter Weiss werden sicherlich um zahlreiche Korrespondenzen erweitert werden; von seinen 1970 begonnenen »Chroniken« werden vermutlich noch unzählige Bände erscheinen etc. …

All dies verweist verlegerisch mehr auf eine Geisterbeschwörung als auf kreative Entwicklungen. Gralshüter sind letztlich immer nur humorlose Totengräber.